Stadttheater Giessen
    Frischer Blutgeruch weht aus dem Haus

    Mit der »Orestie« von Aischylos eröffnet das Stadttheater die Spielzeit – Regisseur Titus Georgi lässt Tränen, Schweiß und Blut fließen

    Frischer Blutgeruch weht aus dem Haus


    Mit der »Orestie« von Aischylos eröffnet das Stadttheater die Spielzeit – Regisseur Titus Georgi lässt Tränen, Schweiß und Blut fließen

    Mit einem Paukenschlag hat das Stadttheater am Samstag die aktuelle Spielzeit eröffnet. Regisseur Titus Georgi fordert mit seiner Inszenierung der »Orestie« von Aischylos das Publikum heraus. Er kostet die archaische Brutalität der antiken Tragödien-Trilogie exzessiv aus, lässt Blut, Schweiß und Tränen im Übermaß fließen und schafft so eine Version dieses Stücks Weltliteratur, die für Gesprächsstoff sorgt. Was will man mehr verlangen vom Theater?!
    »Frischer Blutgeruch weht aus dem Haus. Es riecht nach Mord«, orakelt Seherin Kassandra und liefert damit eine Zusammenfassung dessen, was im Haus Agamemnons vor sich geht, wo die Ehefrau den aus dem Trojanischen Krieg heimkehrenden Gatten ermordet, der Sohn die Mutter aus Rache tötet und erst durch den Richtspruch der Göttin Athene der Spirale der Gewalt ein Ende gesetzt werden kann. Und Blutgeruch weht auch von der Bühne des Stadttheaters, wo die Figuren »tun, leiden, lernen«. In einer Zeit, in der Krieg der Welt als eine Art Videospiel vorgegaukelt wird, Mord als befremdende Schlagzeile erscheint, zeigt Georgi die ganze Brutalität dessen, was ein Mensch dem anderen antun kann. Für manch einen in der Premierenvorstellung war dies zu viel, und als das Blut eimerweise ausgekippt wurde, verließen Vereinzelte den Saal.
    Georgi und Bühnenbildnerin Katja Wetzel haben einen Raum geschaffen, der ausschließlich aus einer bühnenfüllenden Treppe besteht. Alles ist in Schwarz gehalten und auch die Kostüme bleiben im Spektrum von Grau- und Weiß-Nuancen. Einzig der Teppich aus Gewändern, den Klytaimnestra ihrem Gatten Agamemnon beim Mord im Bade ausschüttet, bringt Farbe ins Spiel – erinnert allerdings ein wenig an eine Altkleidersammlung. Und auch das Blut, das Klytaimnestra gleich eimerweise ausschüttet und das in der Folge Opfer und Mörder gleichermaßen besudelt, setzt Akzente.
    Die minimalistische Bühnentreppe, die in allen drei Teilen der Trilogie Bestand hat, stellt für die Schauspieler zwar eine echte Stolperfalle dar und lässt beim Herunterrollen der geschändeten Leiber schlimmste Verletzungen befürchten. Hier hat offenbar das spezielle Körpertraining der Schauspieler gefruchtet. Sie gibt aber auch den in Bann ziehenden Worten des Aischylos den Raum, der ihnen gebührt. Die 4000 Originalverse, die Peter Stein übersetzt hat, hat Georgi auf das Notwendige zusammengestrichen. In zweidreiviertel Stunden ist so alles Wichtige gesagt, um den Prozess der Zivilisation, den Übergang von dem mythischen zum rationalen Weltbild, den Aischylos vor rund 2500 Jahren thematisiert hat, zu verstehen. Der Chor gibt zu Beginn in »Agamemnon« vom ersten Rang aus mit seinem rhythmischen Sprechen die Einführung in die bestialische Geschichte des Atridenhauses, in dem die Menschen »pathei mathos« – durch Leiden belehrt werden. Im zweiten Teil, den Choe-phoren (Grabspenderinnen) tritt er in Person von Petra Soltau als Mahnerin auf, und im dritten Teil, den »Eumeniden«, klagen Soltau und Irina Ries als »Chor der Erinyen« den Muttermörder Orest als Seelenquälerinnen an. Da heißt es aufpassen, denn jeder Satz hat hier Gewicht, erfordert volle Konzentration – von Schauspielerin und Publikum gleichermaßen.
    Die Gießener »Orestie« setzt den Schwerpunkt auf die beiden ersten Teile der Trilogie. Agamemnons Ermordung füllt die Zeit bis zur Pause, danach betritt Sohn Orest den Plan, der, vom Gott Apollo angestachelt, die Mutter tötet und so den Zorn der Erinyen auf sich zieht. Erst Göttin Athene, die im strahlend weißen Hosenanzug wie eine Lichtgestalt auf der schwarzen Bühne erscheint, kann dem Einhalt gebieten. Sie lässt gleichsam im Schnelldurchlauf eine ordentliche Gerichtsverhandlung abhalten. Ein neues Zeitalter, in dem nicht mehr die Götter entscheiden, sondern das Volk, hat begonnen.
    Corbinian Deller, in dieser Spielzeit neu am Hause, hat die wahnwitzige Aufgabe übernommen, mit dem Orest nicht nur die Titelrolle zu spielen, sondern auch im Chor maßgeblich zu wirken. Respekt vor diesem Textpensum und Respekt auch vor der Selbstsicherheit, mit der der junge Schauspieler seine Visitenkarte abgibt. Sein Orest ist heißblütig und rachedurstig, den materiellen Vorzügen des Mordes an der eigenen Mutter aber auch nicht abgeneigt. Carolin Weber spielt Klytaimnestra – und auch ihr gelingt es, die Doppelgesichtigkeit der Mutter, die den Tod der von ihrem Vater Agamemnon geopferten Tochter Iphigenie betrauert, gleichsam ihre eigene Rache aber mit einer erschreckenden Konsequenz auslebt, nachvollziehbar zu machen. Im blutdurchtränkten Kittel widerlegt sie das Vorurteil, dass Frauen beim Morden eher zu Gift denn zur Axt greifen. Kai Hufnagel als Agamemnon – und später als mephistophelisch-aalglatter Gott Apollo – beweist Mut zum Drastischen. Als Kriegsheimkehrer im Guerillakämpfer-Outfit wirkt er müde und abgekämpft, als blutbeschmierte Leiche lässt er sich stuntmanartig fallen und als Gottgestalt Apollo zeigt er seine locker-lässige Seite. Kyra Lippler kostet zunächst als orakelnde Kassandra das Leid aus, um dann als Lichtgestalt Athene einem Showstar gleich zu erscheinen. Irina Ries kann sowohl als trauernde Elektra überzeugen als auch später im Zusammenspiel mit Petra Soltau als furiengleiche, personifizierte Gewissensbisse. Soltau verleiht zudem dem Chor der Frauen des Atriden-Hauses eine glaubwürdige Stimme. Rainer Hustedt übernimmt als Wächter die Aufgabe, die Zuschauer zu Beginn der Trilogie quasi in die Geschichte hineinzusaugen und wirkt als Chor der Ältesten von Argos. Frerk Brockmeyer spielt einen Herold, Roman Kurtz bleibt als Klytaim-
    nestras Geliebter Aigisthos eher eine Randerscheinung und Milan Pesl ist als Orest-Freund Pylades zwar eher unauffällig, kann aber als »Dirigent« des dreizehnstimmigen Chors echte Führungsqualität zeigen.
    Parviz Mir-Ali und Henrik Oppermann haben Musik geschaffen, die mit rockiger E-Gitarre und »Trance«-Sound einen Kontrapunkt zum archaischen Spiel auf der Bühne setzt – aber eigentlich ging es auch ohne die Musik.
    Das Premierenpublikum quittierte gegen 22.30 Uhr den »gewaltigen Brocken«, den Georgi und das fast vollzählige Ensemble serviert hatten, mit wohlwollendem Applaus. Auch ohne seherische Fähigkeiten lässt sich prophezeien, dass diese Inszenierung für Gesprächsstoff sorgen und noch lange in Erinnerung bleiben wird.
     Gießener Allgemeine Zeitung, Karola Schepp