Stadttheater Giessen
    Magie des Rhytmus und der Sprache

    Starke Ensembleleistung in der „Orestie“: Macht des Rhythmus und der Sprache

    Starke Ensembleleistung in der „Orestie“: Macht des Rhythmus und der Sprache


    Blut, Blut, überall Blut. Zweieinhalbtausend Jahre vor Hollywood haben die griechischen Tragiker sehr wohl gewusst, dass dies ein besonderer Saft ist und dass von seiner Zurschaustellung eine besondere Faszination ausgeht. In Titus Georgis Inszenierung der „Orestie“ von Aischylos kippt Klytaimnestra, blutverschmiert von Kopf bis Fuß, eimerweise Blut die Treppe hinunter. Und gleich darauf lässt sie die blutüberströmte, nackte Leiche Agamemmnons und den leblosen Körper seiner Geliebten Kassandra die Treppenstufen herunterkullern.
    Wer zum Ausflug ins antike Griechenland aufbricht, muss auf blutige Klagespiele und rituelle Menschenschlächtereien gefasst sein. Rot und Schwarz sind denn auch die dominierenden Farben der Inszenierung, die nicht mit moderner Psychologie daher kommt, sondern von starken Bildern und der Magie des Rhythmus und der Sprache lebt. Rot, die Farbe des Blutes, vermählt sich hier mit der Schwärze der Nacht; es ist die schwarze, finstere Frühzeit des Blutbefehls „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“
    Schwarzer Einheitsraum
    In dem schwarzen, von Bühnenbildnerin Katja Wetzel geschaffenen Einheitsraum führt eine schwarze Treppe nach oben. Hier trifft der aus dem Trojanischen Krieg heimkehrende König Agamemmnon auf seine Frau Klytaimnestra, hier teilt die Seherin Kassandra ihre grauenvollen Visionen mit, hier gibt es nach Jahren ein Wiedersehen der Geschwister Elektra und Orestes, und hier rechnet Orestes gnadenlos mit seiner Mutter ab – doch das große Morden im „Menschenschlachthaus“ findet hinter der Bühne statt.
    Sehens- und hörenswert
    Gebannt verfolgte das Premierenpublikum am Samstagabend die zweieinhalbstündige Aufführung, mit der die neue Spielzeit im Stadttheater eröffnet wurde, und dankte am Ende mit lang anhaltendem, herzlichem Applaus. Und den hatte sich das gesamte Gießener Schauspielensemble auch verdient, denn es liefert unter Georgis Regie eine geschlossene Leistung ab und verwandelt die gewiss nicht einfache Vorlage in ein Stück sehens- und vor allem hörenswerter Schauspielkunst.
    Genau genommen hat der Regisseur gleich drei eigenständige Stücke vereint, denn „Die Orestie“ ist eine Trilogie. Der englische Dichter Swinburne (1837 bis 1909) zählte die einzige in allen Teilen erhaltene Trilogie der griechischen Antike sie den „größten Schöpfungen des menschlichen Geistes“. In einer Mischung aus Trauer- und Lehrstück wird eine der bis heute wichtigsten Wandlungen der Menschheitsgeschichte geschildert: die Absage an das alte Gesetz der Blutrache und die Berufung auf ein für alle geltendes Recht. Die Tragödie predigt den Verzicht auf Rache und fordert die Herrschaft der Vernunft und Vertrauen in die Gesetze.
    Gespielt wird nach der Fassung des Regie-Großmeisters Peter Stein, die 1980 in der Berliner Schaubühne zur Aufführung kam. Damals wurden acht Stunden gespielt. Durch geschickte Streichungen hat Georgi zweieinhalb Stunden daraus gemacht und dabei die Motive der Hauptfiguren mit expressiver Schärfe bloßgelegt. Die Sprache ist knapp und klar, und gelegentlich scheint darin auch etwas von der Dämonie und Poesie der antiken Verse auf. Fremdartige Klänge und dumpf hämmernde Rhythmen (Musik: Parviz Mir-Ali, Henrik Oppermann) verstärken hier und da das Gesagte.
    Wenn der von Milan Pesl dirigierte Chor im ersten Teil des Abends vom ersten Rang herab spricht, erfahren die Zuhörer in einer Atmosphäre völliger Konzentration die Vorgeschichte der Tragödie (Opferung der Iphigenie), und weil so gut gesprochen wird, versteht man jedes Wort. Prägnant im Ausdruck und scharf akzentuierend – das ist Petra Soltau im zweiten Teil als Chor der Frauen. Und im dritten Teil bietet sie zusammen mit Irina Ries als Chor der Erinyen ein Kabinettstückchen in souveräner, sprachlicher Gestaltung, dem es sogar nicht an Humor fehlt.
    Letzte Verhöhnung
    Eine wilde, urtümlich Kraft geht von Carolin Webers Klytaimnestra aus, die war nach außen hin die Unbeherrschte und Rasende mimt, aber deutlich erkennen lässt, dass sie die Bluttat kaltblütig und von langer Hand geplant hat. Kai Hufnagel, der für den verhinderten Christian Fries den Agamemmnon spielt, betont in dieser Rolle nicht so sehr den strahlenden Kriegshelden, sondern den nüchtern abwägenden Realpolitiker. Hochmut schwingt in jedem seiner Worte mit. So lehnt er den allzu opulenten Empfang, den ihm Klytaimnestra bereitet, nicht aus Bescheidenheit ab, sondern nutzt die Gelegenheit, sie zu verhöhnen („Wenn es denn so viel bedeutet…“). Klytaimnestra schweigt dazu, doch ihre Antwort ist im Bühnenbild ablesbar: Der ausgerollte Teppich besteht aus Klamotten aus der Altkleidersammlung. Den Gott Appolon im blütenweißen Anzug gibt Hufnagel später als Snob.
    Eindringlicher Moment
    Kyra Lippler zeigt die Seherin Kassandra zunächst als ein zusammengekauertes Häufchen Elend, doch dann, bei ihren Visionen, durchzucken innere Krämpfe ihren Körper: ein eindringlicher Moment. Als Athene im weißen Hosenanzug ist ganz geschäftsmäßig.
    Corbinian Deller, neu im Ensemble, hat als Orestes gleich eine Riesenrolle übernommen. Er zeigt den Königssohn von Anfang an als Zauderer und Zweifler, der nicht so recht weiß, was er mit dem göttlichen Auftrag anfangen soll. Wenn er zusammen mit Irina Ries als Elektra den toten Vater steigert sich die Szene von Sekunde zu Sekunde in ihrer Eindringlichkeit, und die Begegnung mit der Mutter ist voller Emotion. In weiteren Rollen: Roman Kurtz als Aigisthos, Rainer Hustedt (Wächter, Chor) und Frerk Brockmeyer (Herold). 06.09.2010, Gießener Anzeiger, Thomas Schmitz-Albohn