Stadttheater Giessen
    Aus Dornröschenschlaf mit Ausstattungs-Orgie geweckt

    Riesenapplaus für Roman Hovenbitzers Inszenierung der Barockoper „Die großmütige Tomyris“ - Fülle von Einfällen und Eindrücken

    Aus Dornröschenschlaf mit Ausstattungs-Orgie geweckt


    Riesenapplaus für Roman Hovenbitzers Inszenierung der Barockoper „Die großmütige Tomyris“ - Fülle von Einfällen und Eindrücken


    Die Barockoper lebt. Mit wilden Kriegerhorden, lasziven Gespielinnen, Himmelsboten, hereinschwebenden Göttern und halbnackten Wesen aus der Unterwelt, mit Windmaschine, Blitz, Donner und reichlich Bühnennebel feiert ein fast 300 Jahre altes Werk auf der Bühne des Stadttheaters opulent Wiedergeburt: Unter der musikalischen Leitung des Frankfurter Barockspezialisten Michael Schneider und in der Inszenierung von Roman Hovenbitzer ist „Die großmütige Tomyris“ von Reinhard Keiser (1674 bis 1739) mit sehr viel Könnerschaft und Feingefühl aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt worden. Dass das Experiment einer Wiederentdeckung im Gießener Musiktheater erneut gelungen ist, beweist der durchschlagende Erfolg bei der Premiere am Sonntagabend. Das Publikum überhäufte alle Beteiligten mit minutenlangem Beifall und Bravorufen.
    Man ist Zeuge einer imponierenden Ausstattungs-Orgie (Bühnenbild: Lukas Noll, Kostüme: Bernhard Niechotz, Licht: Manfred Wende), an der nicht nur die Darsteller, sondern auch die Mitglieder des Chores (Einstudierung: Jan Hoffmann) und der Tanzcompagnie (Choreographie: Tarek Assam) mitwirken. Eingefleischte Barockfans mögen in dieser Inszenierung eine Offenbarung sehen, doch es gibt auch andere Theaterbesucher, die von der Fülle der Einfälle und Eindrücke, von der mit geradezu barocker Fantasie überbordenden Aufführung mit all ihren Affekten und Effekten nach fast drei Stunden ziemlich mitgenommen sind. Und wer gar meint, es ginge auf der Bühne unbeschwert und fröhlich zu, der irrt. Da der Oper ein antiker Stoff zugrunde liegt, fließt wieder Blut - nicht so viel wie in der „Orestie“ im Schauspiel, aber immerhin.
    Geniale Bildidee
    Erzählt wird, wie ein kriegerisches Volk in eine fremde Kultur einfällt. Und wie sich Sieger benehmen, weiß man aus der Geschichte nur zu gut. Die Regie verlegt das Geschehen in eine düstere Sciene-Fiction-Umgebung mit zotteligen Barbaren in Heavy-Metal-Kluft (Kostüme: Bernhard Niechotz). Für den Einbruch des Krieges in eine heile Welt hat Lukas Noll eine geniale Bildidee umgesetzt: Vor den Überresten eines ramponierten Barocktheaters ragt die Tragfläche eines Kampfflugzeugs aus dem Wüstensand. An der Tragfläche klebt Blut, und auf einer Stange daneben steckt das abgeschlagene Haupt des besiegten Perserkönigs. Die Heavy-Metal-Barbaren toben sich in Kampfspielen und wilden Tänzen aus, und hin und wieder wird ein blutgetränkter Sack mit einer Leiche über die Bühne geschleift. Die blutige Folterung eines angeblichen Verräters bleibt dem Publikum auch nicht erspart.
    Bei all dem szenischen Getöse und lauten Fußgetrampel der wilden Horden haben es die Gesangssolisten oft schwer, mit ihren Stimmen durchzudringen. Die Zuschauer müssen sich gerade im ersten Teil sehr anstrengen, um (akustisch) alles zu verstehen. Es wäre auch hilfreich, wenn es in der italienisch und deutsch gesungenen Aufführung Übertitel gäbe, um die Handlungsweise und die seelischen Vorgänge der jeweiligen Figur besser nachvollziehen zu können. Zumal es sich hier um ein Werk handelt, das keiner kennt.
    Das aus 25 Musikern des Hauses und dem Ensemble „Animus“ bestehende Orchester entfaltet unter Michael Schneiders temperamentvoller Leitung ein transparentes Spiel und beweist ein ums andere Mal feinen Sinn für Klangwirkungen. In der ebenso straffen wie klangschönen Wiedergabe wird die Musik eines Komponisten zum Leben erweckt, der das Orchester sehr fantasievoll einzusetzen und mit den Klangkontrasten meisterhaft zu spielen verstand. Zarte, lyrische Arien stehen neben barocker Klangpracht voller Strahlkraft. Da kann man nur zu gut verstehen, dass sich Händel bei Keiser gerne und häufig bediente. Mit besonderem Gespür zeigen Schneider und seine Musiker, wie geschickt und effektvoll der Komponist immer wieder einzelne Instrumente solistisch hervorhebt. Besonders reizvoll ist die Szene, in der Tomyris ihre Liebe zu dem jungen Feldherrn Tigranes besingt und dabei in ein Zwiegespräch mit der Flötistin auf der Empore des Barocktheaters tritt.
    Schön, stark und stolz - das ist Odilia Vandercruysse als Königin Tomyris. Wenn sie mit Schwert und im Brustpanzer unter ihre Krieger tritt, ist sie ganz Herrscherin. Gesanglich verlangt ihr - wie auch den anderen Figuren - die Partitur eine ganze Menge ab. Odilia Vandercruysse meistert jedoch nicht nur die vertracktesten Koloraturen mit Bravour, sondern bringt auch die beiden Seelen der Tomyris zum Klingen: Energisch, fordernd und eindringlich gibt sie die Herrscherin, anmutig und zärtlich ist sie als liebende Frau.
    Reizend, gesanglich souverän und bei den Koloraturen ebenfalls eine Könnerin fühlt sich Carla Maffioletti in der Rolle der Meroe, die sich als Wahrsagerin an den Hof einschleicht, offensichtlich pudelwohl. Als ihr Vertrauter Latyrus setzt Haus-Tenor Alexander Herzog mit markanter Stimme einige humorige Akzente.
    Mit seinem klangschönen, weittragenden und klar geführten Tenor und seiner heldenhaften Erscheinung ist Christian Zenker eine ideale Besetzung für den von zwei Frauen umworbenen Tigranes. Als Könige Doraspe und Policares, die um die Gunst der Königin werben, machen Bassbariton Matthias Ludwig und Tenor Patrick Henckens stimmlich eine gute Figur. In weiteren Rollen: Tomi Wendt (Orontes), Chi Kyung Kim (Jupiter), Neivi Martinez (die Rache) und Eun Mi Suk (die Gerechtigkeit).
    Kein Happy-End
    Noch ein Wort zum Schluss: Regisseur Roman Hovenbitzer verweigert dem Stück sein Happy-End, weil es ihm mit dem Göttervater Jupiter als Deus ex machina, der im allerletzten Augenblick eine Klärung herbeiführt, offenkundig zu wahrscheinlich erscheint. Stattdessen lässt er Tomyris das gute Ende in einem Tagtraum erträumen und zeigt gleichzeitig, dass die Wirklichkeit grausam und brutal ist. Das ist zwar hart, aber realistisch und psychologisch glaubhafter.
    Thomas Schmitz Albohn, 21.09.2010, Gießener Anzeiger