Stadttheater Giessen
    Gelungener Premierenabend des Tanztheaters mit Gershwin

    Gelungener Premierenabend des Tanztheaters mit Gershwin


    Ein Komponist, zwei Choreographen und ein Ensemble, das beide Interpretationen mit Herzblut umsetzte. Die Saisoneröffnung des Tanztheaters Gießen war ganz dem amerikanischen Broadwaykomponisten George Gershwin gewidmet: Als eine Widmung an die Freiheit verstand Gastchoreograph Philip Taylor die „Rhapsodie in Blau“ mit puristischer Ausstattung, doch intensiver Bewegung, intensiver Beleuchtung. Ganz im Gegensatz dazu „Ein Amerikaner in Paris“: Der Gießener Tanzdirektor Tarek Assam zauberte quirliges Leben im „Big Apple“ und der französischen Metropole auf die Bühne.
    Dem Publikum gefielen beide Stücke, vielleicht gerade wegen der unterschiedlichen Bearbeitung. Riesiger Applaus im voll besetzten Haus: Ein Start unter guten Vorzeichen.
    Schon der Auftakt von Philip Taylors Choreographie ist spektakulär. Der Vorhang geht auf: Weißes Licht, die Tänzer stehen bewegungslos mit dem Rücken zum Publikum, absolute Stille. Dann beginnt alles gleichzeitig: Die Musik, der Tanz, das blaue Licht. „Rhapsodie in Blau“. Zunächst gibt es eine Art chorischen Striptease, bis alle in hautfarbener Unterwäsche dastehen. Einzelne zieren sich noch, die Kleider auszuziehen, machen dann doch mit. Spannungsvolles Geschehen ist auf der Bühne zu beobachten, das ganz wie der Konflikt zwischen dem Individuum auf der einen Seite aussieht und die Übermacht von Mode, Masse, Mainstream auf der anderen Seite.
    Dazwischen kleine Liebesgeschichten. So bilden sich bewegende Zweier- und Dreiergruppen, die dann doch wieder vereinzeln oder in der Menge untergehen. Derartige Vorgänge lassen sich zu allen Zeiten und an allen Orten beobachten, doch nur selten so exemplarisch wie im New York der „Roaring Twenties“, das Gershwin mit seiner Musik beschrieben hat.
    Philip Taylor hat diese bewegten Bilder schon einmal choreographiert, 2007 zu seinem Abschied vom renommierten Münchner Theater am Gärtnerplatz, wo er elf Jahre lang als Tanzdirektor fungierte.
    Inzwischen ist er als freier Choreograph unterwegs, doch seine Gershwin-Abschiedsshow wurde damals fast hymnisch gefeiert. Natürlich ließe sich das Tanzstück nicht eins zu eins übertragen, betonte Taylor vor einigen Tagen in der Gießener Pressekonferenz. 21 Tänzer in München, zwölf Tänzer in Gießen, Orchesterbegleitung in München, Musik vom Band in Gießen. Natürlich, das Budget des Stadttheaters ist ohnehin am Rande der Belastbarkeit, und ein kleines Haus lässt sich mit einem Metropolen-Theater nicht vergleichen. Umso spannender war da natürlich die Frage, was sich unter diesen Umständen aus diesem Stück herausholen lässt.
    Das einhellige Urteil aller Beteiligten: grandios. „Wir entdecken unsere eigne Rhapsodie“, sagte Taylor zur Arbeit der Gießener Tanzcompagnie. Wie richtig: Spielerisch und temporeich, athletisch und mit schnellen Schritten in Richtung Publikum zeigt sich das Ensemble in bester Verfassung. Am Schluss springen die Tänzer gemeinsam durch eine Papierwand: der Sprung in die Freiheit oder der Sprung ins Ungewisse?
    Schnitt, Pause. Dann wieder New York, Roaring Twenties, Stepptanz. Jetzt sind die Frauen chic gekleidet, im knielangen Rock, Charleston-Schnitt, modische Kurzhaarfrisur, die Herren im Anzug, andere leger mit Hosenträgern. Wir befinden uns in New York, das Bühnenbild von Annett Hunger signalisiert es unverkennbar: Vertikale Pfeiler als Wolkenkratzer, dazwischen ein Kran, Baugeräte, auf denen sich bestens tanzen lässt. Über allem schwebt am Himmel „Big Apple“, der sich in der folgenden Pariser Szene wunderbarerweise in ein rot leuchtendes Herz verwandelt.
    Tarek Assam führt zu Musiken wie der berühmten Orchestersuite „Ein Amerikaner in Paris“, zur Second Rhapsody sowie zu berühmten Broadway-Songs zu einer rasanten Sightseeing-Tour von New York nach Paris und macht dabei auch vor Begegnungen mit King-Kong oder der skandalösen Josephine Baker nicht Halt. Den Mitgliedern des Tanztheaters gelingt es in bewundernswerter Weise, das transatlantische Tempo beizubehalten, mit freien Assoziationen, halsbrecherischen Sprüngen, auch traditionellen Tanzfiguren.
    Die viel umjubelten Mitwirkenden: Magdalena Stoyanova, Morgane de Toeuf, Ekatherine Giorgiadze, Antonia Heß, Svende Obrocki, Nina Plantefeve-Castryck, Christopher Basile, Hua-Bao Chien, Keith Chin, Alexey Dmitrenko, Meidert Ewout Peters, Sven Krautwurst und Trainingsleiter Jeremy Green.
    Wer bei den Pariser Szenen freilich auf Anleihen aus der zeitgenössischen Musik Europas oder schlicht auf Akkordeon-Klänge im Dreiviertel-Takt wartete, der wartete vergeblich. Denn wenn Gershwin auch schreibt, sich in seinem Stück auf Debussy zu beziehen, so bleibt er doch durch und durch Amerikaner, der auch im fernen Paris seinen Bigband-Sound mit mächtigen Bläser-Einsätzen nicht missen möchte.
    Das bewegte Leben in den Metropolen und bei der Überfahrt auf dem Meer wird von der Gießener Tanzcompagnie übrigens trefflich dargestellt in einer Art Schiffsrumpf aus Metall-Rohren, der sich je nach Bedarf auf die eine oder auf die andere Seite kippen lässt. Wieder ist der Wettstreit der Kräfte gefragt, die Balance des Individuums, eine begehrte Herausforderung für jeden engagierten Tänzer. Damit schließt sich der Kreis wieder, diesmal aber unter beschleunigtem Wechsel der Kulissen. Hektik pur in modernen Zeiten. Ursula Hahn-Grimm, 10.10.2010, Gießener Anzeiger