Stadttheater Giessen
    Von schwarzen Kassen und schwarzen Schafen

    Von schwarzen Kassen und schwarzen Schafen

    „Schmachtigallen“ begeben sich mit musikalischem Krimi „Mann-o-Money“ auf die Jagd nach Reichtum

    Mit dem neuen Programm der „Schmachtigallen“ hält auch die Sorge um das liebe Geld Einzug auf der Gießener Theaterbühne. Dabei mangelte es zur Premiere am Samstagabend nicht etwa an zahlungswilligen Zuschauern, vielmehr dreht sich in „Mann-O-Money“ thematisch alles um die große Finanzkrise. Bei dem musikalischen Krimi um schwarze Zahlen, schwarze Kassen und schwarze Schafe handelt es sich nunmehr um das fünfte Stück der inzwischen fast schon legendären „Schmachtigallen“, das im Gießener Stadttheater präsentiert wird. Verantwortlich für Buch und Regie ist Henry Arnold, der nach dem Erfolg von „Väter“ wieder einen einzigartigen Theaterabend, diesmal mit hochaktuellem Thema, entwarf. Zur Eröffnung präsentierten sich die „Schmachtigallen“ alias Roland Furch, Severin Geissler, Jan Hoffmann und Martin Ludwig zunächst noch im glitzernden Glamourlook. Ihr Titelsong „Mann-O-Mann-O-Money“ in Anlehnung an das bekannte ABBA-Stück versprach großspurig den Weg zur nächsten Million - und zwar ganz einfach per Mausklick: „Und wie das geht, das zeigen wir - Die besten Tricks erfahrt Ihr hier.“ Schnell stellte sich nach dieser musikalischen Einladung allerdings heraus, dass es um die finanzielle Situation der Vier keineswegs rosig bestellt ist. Vor dem Bühnenbild einer steil absteigenden Aktienkurve kommt man zusammen, um die allgemeine Geschäftslage zu besprechen. Kündigung, Finanzkrise und ausbleibende Kunden: Die Ausweglosigkeit der Situation führt die Freunde nicht nur zu einiger Selbsterkenntnis über ihren bisherigen Umgang mit Geldfragen - „ehrlich, naiv und reichlich doof“ -, sondern auch zum Sinnieren über das Zahlungsmittel Geld.Das Tauschgeschäft längst vergangener Zeiten gilt im Prinzip noch heute. Nur wird der Geldbegriff immer schwerer fassbar. Als Zahlungsmittel lediglich auf gegenseitigen Vereinbarungen beruhend, erscheinen Geldscheine als wertlose Papierstücke. Immerhin sind sich alle einig: „Geld hat ein Eigenleben“, und weil das mühsam angesparte Geld auch bei den verschuldeten Banken nicht mehr zu holen ist, haben es die Vier nun auf virtuelle Kohle abgesehen. Finanzsystem enttarntAus der Angst derer, die noch Geld haben, müsste man Profit schlagen, und so reift ein ausgeklügelter Plan heran, den mächtigen Finanzbossen und Managern, schlicht den Reichen, das Geld aus der Tasche zu ziehen. Nach deren Vorbild soll der Plan zwar im ganz großen Stil, aber ohne viel Arbeit vonstattengehen, also wie im Song der „Prinzen“ ausgedrückt: „Alles nur geklaut.“ Eine „Betrugsaufdeckungsversicherung“ für Schwarzgeldkontenbesitzer scheint die perfekte Lösung und sorgt für sofortige Aufhellung der Stimmung à la Comedian Harmonists: „Wenn ich vergnügt bin, muss ich singen.“Die Zielgruppe der Reichen und gleichzeitig Gegenpol zu den vier Freunden am anderen Rand der Gesellschaft wird selbstverständlich ebenfalls von den „Schmachtigallen“ dargestellt. Deren Kostüme mit aufgesetztem Wohlstandsbauch erscheinen beinahe als Zwangsjacken des eigenen Geldes, die die Reichen und Mächtigen wie Marionetten des Finanz- und Wirtschaftssystems wirken lassen. Mit Rio Reisers „Alles Lüge“ wird in gewisser Hinsicht das Finanzsystem enttarnt, allerdings erweist sich auch der vermeintlich geniale Plan der Freunde als Flop. Ausweg aus der nachfolgend niedergeschlagenen Stimmung verspricht die Flucht in die Wunsch- und Traumwelt. Von „Ich wär‘ so gerne Millionär“ über „Mein lieber Schatz bist du aus Spanien?“ und „New York“ versetzen die Freunde sich und das Publikum vom mehr schlecht als recht laufenden Weinlokal in eine spanische Strandbar. Auch die letzte Möglichkeit, sich als Agent in das geschlossene System der Mächtigen einzuschleusen, scheitert: „Unser Spiel ist aus.“ Am Schluss steht die Erkenntnis, dass nicht die Habgier Einzelner regelmäßig zu Finanzkrisen führt, den einen Fehler im System gibt es wohl doch nicht. Aber nicht nur die vier Freunde müssen ihre Idee vom großen Reichtum aufgeben. Die Vorgabe einer automatischen Geldentwertung, sollte dieses nicht binnen Monatsfrist umgesetzt werden, sorgt dafür, dass sich auch die Reichen von ihrem Geld trennen müssen. Sie steigen vom Thron ihres Wohlstands herab, in einem Geldregen begleitet von „This is the moment, this is the time“ geht somit auch der Traum der Freunde in Erfüllung. Witzige DialogeAm Ziel ihrer Jagd nach Reichtum und Geld entledigen sich die „Schmachtigallen“ ihrer Wohlstandskostüme. Denn was bleibt, ist nicht etwa Geld, sondern Kunst, Freiheit und Liebe. Das abschließende Schlaflied lässt das zuvor Geschehene zwar im Licht einer schönen Geschichte erscheinen, das darauf folgende „Highway to Hell“ bietet aber durchaus Interpretationsspielraum hinsichtlich eines offenen Endes. Mit gewohntem Charme und musikalischem Können vermochten die „Schmachtigallen“ auch in der Theaterpremiere ihres neuen Stücks zu überzeugen. Vor allem ihr breitgefächertes musikalisches Repertoire, aber auch die witzigen Dialoge und die schauspielerische Leistung sorgten für einen unvergesslichen Abend. Sei es mit Stücken der Comedian Harmonists, mit musikalischem Slapstick bei „Money makes the world go round“ oder mit „Oh Kohle mio“ - stets war beste musikalische Unterhaltung garantiert. Begleitet wurden sie von Luca Panzarella (Trompete), Isabell Weber (Keyboards), Andreas Sommer (Klavier), Stefan Schneider (Bass) und Simon Zimbardo (Schlagzeug). Das Publikum dankte mit anhaltendem Applaus sowohl nach den einzelnen Nummern als auch am Ende der Vorstellung. Ebenso zeigten sich die „Schmachtigallen“ von ihrer besten Seite und ließen sich drei Zugaben entlocken, bevor sie buchstäblich die Laterne ausbliesen und das Publikum in den Abend entließen. Eva Lorenz, Gießener Anzeiger, 18.10.2010