Stadttheater Giessen
    Der Stoff aus dem Legenden gestrickt sind

    Der Stoff aus dem Legenden gestrickt sind

    Im Takt: Astrid Jacob gelingt eine stimmige Inszenierung von Peter Shaffers Erfolgsstück „Amadeus“ am Stadttheater

    Es gibt nur wenige Komponisten, die zu ihren Lebzeiten von ihrer Profession komfortabel existieren konnten. Antonio Salieri (1750 - 1825) war einer von ihnen. Als Kompositeur und Kapellmeister am Hofe des österreichischen Kaisers Joseph II. genoss er außerordentliches Ansehen, hatte zahlreiche prominente Schüler und war ein fleißiger Verfasser unzähliger Werke, die - und das war sein großes Pech - nach seinem Tod in Vergessenheit gerieten. Ganz im Gegensatz zu seinem Konkurrenten Wolfgang Amadeus Mozart, der mit seinen Kompositionen Weltruhm erlangte, aber völlig mittellos bereits im Alter von 35 Jahren 1791 in Wien verstarb. Seiner Ehefrau Constanze gegenüber soll Mozart damals die Vermutung geäußert haben, er sei vergiftet worden. Auch spricht er in Briefen mehrmals von »Cabalen« Salieris gegen ihn. Ein Stoff also, aus dem Legenden gestrickt sind.
    Es ist die künstlerische Freiheit des Dichters, daraus ein Drama zu kreieren, das mit der Wahrheit nicht mehr viel gemein hat. Peter Shaffer ist dabei mit seinem »Amadeus« der ganz große Wurf gelungen. Ein Stück, das über 30 Jahre nach seiner Uraufführung in London immer noch gern auf deutschen Bühnen gegeben wird und jetzt auch in einer stimmigen Inszenierung von Astrid Jacob am Stadttheater Gießen zu sehen ist.
    Eigentlich müsste das Werk »Salieri« heißen, ist er doch Dreh- und Angelpunkt des ganzen dramatischen Geschehens. Der Sterbende hält Rückschau, hadert dabei mit sich und Gott, mit seiner Mittelmäßigkeit und dem Genie Mozart, von dem er umsonst Vergebung fordert, weil er ihn mit seinem Neid und falschem Ehrgeiz zerstört hat. Ja, Salieri nährt sogar in seiner Hybris das Gerücht, er habe Mozart vergiftet - nur damit ihn wenigstens diese Tat unsterblich macht.
    Roman Kurtz ist es gewohnt, große Partien zu stemmen, und er meistert auch diese Aufgabe mit Bravour. Als er zum ersten Mal »Mozart!« brüllt, spricht schon Hass und Hader aus ihm. Und Kurtz gibt ganz den durchtriebenen Intriganten, dem manchmal der Zufall zu Hilfe kommt, der aber auch immer wieder an seine Grenzen stößt und in den Momenten der Erleuchtung erkennen muss, wie vollkommen die Musik Mozarts klingt und die Menschen in Verzückung setzt. Salieri - ein Zerrissener.
    Für diese Abrechnung mit dem eigenen Leben hat Lukas Noll einen phänomenalen Raum geschaffen, der die Möglichkeiten der Drehbühne raffiniert ausschöpft und von seinem angeschrägten Rund - je nach Beleuchtung - göttliche Strahlen nach oben schickt, die aber auch als Saiten eines Instruments gedeutet werden können. Denn die Musik - zumeist von Mozart - spielt natürlich eine wichtige Rolle und wird von Astrid Jacob genau nach den Anweisungen des Autors eingesetzt.
    Die Regisseurin vertraut ganz der Bühnenpräsenz ihres Ensembles, das Tina Hempel in opulente Roben und üppige Allongeperücken gekleidet hat. Bei all dem Glanz der Stoffe hat die Kostümbildnerin sich den pfiffigen Spaß erlaubt, die ausladenden Reifröcke der Damen über ihr Gewand zu stülpen. So dient dieser Constanze als willkommene Abwehrmaßnahme gegenüber Salieri und anderen zudringlichen Freiern.

    Irina Ries kann sich im Laufe des kurzweiligen Abends immer mehr steigern. Wenn sie die bunte Kleidung und das kichernde Gehabe der Constanze nach und nach ablegt und als Mutter die fatale finanzielle Situation ihres armseligen Haushalts erkennt, vermag sie sich gegen ihren versponnenen Wolferl nur noch schreiend zu wehren.
    Corbinian Deller erfüllt ganz und gar das Bild eines albernen Frechdachses, das Shaffer von Mozart zeichnete und sich bei gewiss einigen im Premierenpublikum durch die mehrfach prämierte Verfilmung von Milos Forman in den Köpfen festgesetzt hat. Mit verspielter Leichtigkeit zeigt Deller das begnadete Genie, das von der Muse geküsst wurde und dem die Noten nur so zufliegen, der aber letztlich an seinen Misserfolgen verzweifelt und zugrunde geht.
    Durch und durch homogen präsentiert sich der verknöcherte Hofstaat um Kaiser Joseph II., bei dem Rainer Hustedt so gänzlich auf alles Österreichische in Sprache und Gehabe verzichtet. Flink in der Bewegung und mit ihrem Mundwerk huschen die beiden Venticelli von Dominik Breuer und Milan Pesl durch die Szenerie, streuen hier und da ein Gerücht in die feine Gesellschaft, um ihrem Herrn und Meister Salieri die neusten Ereignisse zuzutragen. Letzterer liegt am Ende so da, wie er zu Anfang begann. Das Bett- wurde allerdings zum Leichentuch. Effektvoll hat sich Salieri, der nicht in Frieden sterben konnte, selbst die Kehle durchgeschnitten. Der Kreis hat sich geschlossen. Die Zuschauer applaudierten am Samstagabend minutenlang und dankten Darstellern wie Regieteam mit vielen Bravorufen.
    Marion Schwarzmann, Gießener Allgemeine Zeitung, 1.11.2010