Stadttheater Giessen
    Nicht nur das Studium der Weiber ist schwer

    Nicht nur das Studium der Weiber ist schwer

    Franz Lehárs »Lustige Witwe« feierte am Samstag im Stadttheater Premiere. Ein stimmstarker Danilo traf auf eine blasse Hanna.

    Tucholsky nannte Franz Lehár den Puccini des kleinen Mannes. Wer will Tucholsky schon widersprechen? Andererseits: Ziehen wir »Die lustige Witwe« zurate, mit der Lehár sich als 35-Jähriger 1905 an die Spitze der Operettenkunst schrieb - auch wenn der Erfolg damals mehrere Monate auf sich warten ließ -, sieht’s gleich anders aus: So viele Melodien mit Ohrwurmcharakter hat Puccini in einer einzigen Oper nie kreiert: »Da geh ich zu ›Maxim‹«, »Lippen schweigen«, »Ich bin eine anständ’ge Frau« und und und. Doch bei einem Blick in die Partitur wendet sich das Blatt. Das viel gelobte charmante und leichte der Lehar’schen Musik ist der kompositorischen Durchsichtigkeit geschuldet, die im Klavierauszug noch verborgen bleibt, aber in der Orchesterfassung vom Zuhörer Nehmerqualitäten verlangt. So auch am Samstagabend während der Premiere der »Witwe« im Stadttheater.

    Unter dem Dirigat von Herbert Gietzen machte das Philharmonische Orchester Gießen das Beste aus der Vorlage, transportierten die Musiker die perlenden Klangfolgen mit Spielfreude und setzten so nicht zuletzt die rhythmischen Akzente in puncto Walzerseligkeit.

    Die leichte Gangart lag dem Ensemble, einige Sänger ließen schauspielerisches Talent aufblitzen, das sie sonst kaum zeigen dürfen. Der in Gießen beliebte Regisseur Henry Arnold kürzte das Original-Libretto von Victor Léon und Leo Stein (nach einem Lustspiel von Henri Meilhacs), veränderte es aber inhaltlich nicht und verschonte so das Publikum mit verbalen neumodischen Sperenzchen. Arnold, der zum ersten Mal eine Operette auf die Bühnenbretter brachte, nutzt eifrig die Personenführung, um jeden Winkel des vorderen Bühnentrakts mit Akteuren zu füllen.

    Ein Problemkind ist das Bühnenbild von Lukas Noll, das sich für die Illustration der vornehmen Ballszenen an einen düsteren Minimalismus klammert - ein fragwürdiger Kontrapunkt zur heiteren Musik. Noll moduliert den ersten Akt in Paris als mittig angelegte Treppe, um die sich die Drehbühne immer wieder in Bewegung setzt, samt Übergang und großem Leinwandhintergrund, zeigt eine Bar und ein Separee mit der Verruchtheit einer Kiefernholzgarnitur. Im zweiten und dem sich direkt anschließenden dritten Akt variiert das Bild kaum. Es stellt nunmehr eine Art pontevedrinische Dachterrasse dar, ergänzt um einen Pavillon, der sich aufgeklappt als »Maxim«-Kulisse nutzen lässt. Bleiben wir bei der Optik: Der Danilo von Thomas de Vries vom Staatstheater Wiesbaden, der kurzfristig für den erkrankten Matthias Ludwig einspringen musste, sieht in seiner schwarzbetuchten Aufmachung samt Langhaarperücke aus wie Hardrocker Ozzy Osbourne, als der noch jung war, was nur bedingt als Lob verstanden werden darf; er wirkt so kaum wie ein erfolgreicher »Womanizer«. Die pontevedrinische Gesandtschaft insgesamt entpuppt sich optisch und manierlich als Zigeunertruppe, gesellschaftliche Außenseiter allenthalben, denen die dekadenten Franzosen mit ihren barock anmutenden Samtgewändern mit Schulterspitzen und kleinen Widderhörnchen als Frisurenschick (Kostüme: Gabriele Kortmann) in nichts nachstehen; die Damen - allen voran die Grisetten - sind sujetbedingt knapp bekleidet, aber bei Weitem nicht knapp genug, um heute noch verrucht zu wirken.

    Gesanglich gab es viel Licht und wenig Schatten. Die Hanna der Gesa Hoppe ist mit ihrem ausgeprägten Tremolo und der in der Höhe blechernen Schärfe etwas schmerzhaft - mimisch blieb Hoppe blass, dennoch war ihr feinfühliges »Vilja«-Lied wie zum Trotz das schönste des Abends. Das ist auch dem ausdrucksstark singenden Chor und Extrachor des Stadttheaters (Einstudierung: Jan Hoffmann) zu verdanken sowie dem präzise aufspielenden Orchester und dem kongenialen Tanz (Choreografie: Tarek Assam) unter anderem von Svende Obrocki mit Meindert Ewout Peters. Auch beim Cancan im dritten Akt, der als viel zu brav angesehen werden muss, setzten die Damen der Tanzcompagnie Zeichen - wer kam bloß auf die Idee, beim Schenkel-in-die-Höhe-werfen das austrainierte Kraftpaket Obrocki direkt neben Sopranistin Odilia Vandercruysse zu platzieren? Gleichwohl: Was wäre die Inszenierung ohne die Mitglieder der Tanzcompagnie des Stadttheaters? Sie wäre um eine dynamische Komponente ärmer.

    Apropos Dynamik: Gesanglich war de Vries am Samstag eine Bank. Sein Bariton verlieh dem Danilo Saft und Kraft (auch wenn das mehr Oper als Operette war), sein Stimmvolumen setzte sich in der Höhe vor das Orchester-Tutti - hinter de Vries blieben alle anderen Sänger zurück. Auch die bezaubernde Vandercruysse, die als Valencienne zwar nichts Durchtriebenes hatte, aber mit soubrettenhaftem Tonfall entzückte. Besonders ihre Duette mit Gastsänger Andreas Scheidegger in der Rolle des Camille verfügten über kompatiblen Schmelz. Einen energischen pontevedrinischen Baron verkörperte Stephan Bootz, der mit seinem Bass auch als Bariton eine gute Figur machte. Tomi Wendt als Vicomte Cascada und Catalin Mustata als Raoul buhlten gekonnt um Hannas Hand.

    Schauspieler Harald Pfeiffer als pontevedrinischer Kanzlist erntete eine Vielzahl an Lachern. Der gebürtige Österreicher schmückte seine Rolle mit gedeihlichem Wiener Schmäh, der Mime markierte neben de Vries den zweiten Glanzpunkt des Abends - beide wurden beim Schlussapplaus am meisten bejubelt. Ebenfalls gelungen: der vielstimmige Gassenhauer »Ja, das Studium der Weiber ist schwer«. Dem hätte selbst Tucholsky nichts hinzuzufügen. Manfred Merz, 29.11.2010, Gießener Allgemeine Zeitung