Stadttheater Giessen
    Schräger bunter Haufen über den Dächern von Paris

    Schräger bunter Haufen über den Dächern von Paris

    Henry Arnold versetzt Léhars „Lustige Witwe“ im Gießener Stadttheater in eine unbestimmte Zukunft

    „Dann geh ich zu Maxim“, „Lippen schweigen“, „Ja, das Studium der Weiber ist schwer!“ - nach einem Dutzend Jahren der Bühnenabstinenz sind die unsterblichen Melodien aus Franz Léhars Operette „Die lustige Witwe“ ins Gießener Stadttheater zurückgekehrt. Regisseur Henry Arnold hatte im Vorfeld eine große Party angekündigt, und tatsächlich herrscht in diesen zweieinhalb Stunden ausgelassene Feierstimmung, die von den Sänger-Darstellern, dem Theaterchor, dem Philharmonischen Orchester, der Tanzcompagnie Gießen sowie dem urkomödiantischen Schauspieler Harald Pfeiffer ausgeht. Das Premierenpublikum am Samstagabend dankte allen Beteiligten mit herzlichem Applaus. Als Léhars großer Bühnenerfolg mit seiner Fülle blendender musikalischer Einfälle das letzte Mal in Gießen gegeben wurde, spielte die Handlung der 1905 uraufgeführten Operette am Vorabend des Ersten Weltkriegs, wobei sich der Kanonendonner der Schlachtfelder bereits unheilvoll ankündigte. Mit solchen Bezügen hat Arnold nichts im Sinn: Er verlegt die Vorgänge in der pontevedrinischen Gesandtschaft und im Palais der millionenschweren Witwe Hanna Glawari in Paris in eine unbestimmte Zukunft und gibt dem Ganzen eine leicht satirische Note. Auf der von Lukas Noll geschaffenen Bühne sieht der Salon der Gesandtschaft aus wie das Foyer einer hypermodernen Kongresshalle mit geschwungenem, meterlangem Tresen, Barhockern und tief herabhängenden Lampen. Blickfang ist ein metallener Steg mit Treppe, der sich auch auf der Dachterrasse von Gastgeberin Hanna Glawari wiederfindet. Hier leuchten im Hintergrund die unzähligen Lichter von Paris, während sich auf dem Hochhausdach ein reichlich schräger, bunt zusammengewürfelter Haufen zwischen Biedermeier, schwarzem Gothic-Look und Raumschiff Enterprise zur großen Party trifft. Die Kostümschneider- und Maskenbildnerinnen haben bei den schrillen Entwürfen von Gabriele Kortmann ganze Arbeit geleistet. Der Gesandte Baron Mirko Zeta (Stephan Bootz) sieht aus wie der Kommandant eines Raumschiffs, und die lustigen Haarhörnchen der Männer erinnern an Micky-Maus-Ohren. Indem Arnold die Geschichte in einer x-beliebigen Zeit und Gesellschaft spielen lässt, betont er die Zeitlosigkeit des Werks, das natürlich in erster Linie durch seine flotte, zündende Musik lebt. Und als Routinier des Metiers versteht er sich auch auf die Personenführung. Herbert Gietzen serviert am Dirigentenpult Klänge, die wie Champagner prickeln und süß wie Tokajer sind. Die Musiker der Städtischen Philharmonie legen sich unter seiner Leitung spielfreudig ins Zeug, so dass Melodienreichtum, lyrischer Schmelz und romantisches Sehnen im munteren Wechsel aufscheinen. Ob Pariser Halbwelt oder slawische Heimatklänge - das Orchester trifft die jeweilige Stimmung haargenau. Schön, brünett und sexy - das ist Gesa Hoppe als steinreiche Witwe, um die so viele Männer werben. Mit scheinbar müheloser Leichtigkeit schwingt sich ihre Stimme in die Höhe, und im berühmten Vilja-Lied bezaubert sie das Publikum mit zart hingehauchten Tönen. Ihr anmuts- und ausdrucksvoller Gesang wird dabei von einem innig-verliebten Pas de deux der Tanzcompagnie (Svende Obrocki, Meindert Ewout Peters) szenisch untermalt. Für den erkrankten Matthias Ludwig ist der Bassbariton Thomas de Vries (Staatstheater Wiesbaden) vier Tage vor der Premiere eingesprungen und hat die Bravourrolle des Grafen Danilo übernommen. Äußerlich ist von dem Charmeur und eleganten Salonlöwen nichts mehr übrig geblieben. In der Gießener Inszenierung ist Danilo ein ungepflegter Typ, der einem abgehalfterten Rockstar gleicht (Alice Cooper lässt schön grüßen!). Aber wenn Thomas de Vries den Mund aufmacht, straft seine kernige, prachtvoll schwelgerische Stimme die äußere Hülle Lügen. Höhepunkte des Abends sind denn auch der äußerst facettenreich vorgetragene Ohrwurm „Da geh ich zu Maxim“, das Lied von den Königskindern sowie das hinreißende Duett (mit Gesa Hoppe) „Lippen schweigen“. Mit spritzigem, funkelndem Gesang zeigt Odilia Vandercruysse als Valencienne, das sie „eine anständige Frau“ ist, und Andreas Scheidegger becirct sie (und das Publikum) als ihr Verehrer Rosillon mit sehr viel Wohlklang und tenoralem Schmelz. In der Sprechrolle des Faktotums Njegus reizt Harald Pfeiffer gewitzt die böhmische Schwejk-Komik aus. Bei den vielen Mitwirkenden der spartenübergreifenden Produktion ist es nicht möglich, alle namentlich zu nennen. Gesagt werden muss aber, dass sowohl der Theaterchor (Einstudierung: Jan Hoffmann) als auch die Tanzcompagnie (Einstudierung: Tarek Assam) mit sehr guten Leistungen glänzen. Alles in allem eine ungewöhnliche Version der „Lustigen Witwe“, aber vor allem dank der guten Besetzung eine gelungene Aufführung. Thomas Schmitz-Albohn, 29.11.2010, Gießener Anzeiger