Stadttheater Giessen
    Knallereien, Farben, Musik: Frischs sperriger „Graf Öderland“ als sinnliches Spektakel

    Knallereien, Farben, Musik: Frischs sperriger „Graf Öderland“ als sinnliches Spektakel


     „Die Uraufführung 1951 in Zürich war ein respektabler Misserfolg, später in Frankfurt wurde das Stück unter Fritz Kortner noch einmal aufgeführt: ein noch respektablerer Misserfolg.“ Das sagte Autor Max Frisch mit einer gesunden Portion Selbstironie in einem Interview über seine Moritat „Graf Öderland“. Absolut nicht nachvollziehbar ist diese Bewertung aus früheren Jahren allerdings für jene, die jetzt am Stadttheater Gießen eine mehr als respektable Neuinszenierung erlebten.
    Kurzweilig und doch anspruchsvoll, manchmal richtig witzig: Vor allem den zündenden Ideen von Regisseur Dirk Schulz und Bühnenbildner Bernhard Niechotz sowie dem engagierten Auftritt der Schauspieler ist es zu danken, dass nach der gut zweistündigen Aufführung das Premierenpublikum lang applaudierte. Der meiste Beifall ging an den Schauspieler Christian Fries. Denn die Hauptrolle des Staatsanwalts war mit ihm geradezu ideal besetzt. Der korrekte Jurist, der geistesgestörte Rechtsbrecher, der charmante Frauenheld und kaltblütige Axtmörder: Der Wechsel zwischen den einzelnen Erscheinungen dieser vielschichtigen Persönlichkeit gelang Fries mit traumwandlerischer Sicherheit. Das Stück beginnt mit einem Ausstieg. Der Staatsanwalt, gewissenhaft, erfolgreich, verheiratet mit einer schönen Frau, hat genug von seinem bürgerlichen Leben. Es ist aber nicht nur der gleichförmige Alltag, der ihm den Schlaf raubt, sondern sein aktueller Fall: Ein Bankangestellter soll einen Hausmeister mit der Axt erschlagen haben. Angeblich ohne jedes Motiv. Das Weltbild des Staatsanwalts gerät ins Wanken. Wo hat die Freiheit des Einzelnen seine Grenzen. Lässt sich eine Gesellschaft mit Gewalt verändern? Der Staatsanwalt durchlebt einen Albtraum, die Menschen sehen in ihm den sagenumwobenen Graf Öderland, der mit einer Axt bewaffnet mordend durchs Land zieht. Nach und nach finden sich Anhänger, es gelingt schließlich, die Regierung aus den Angeln zu heben. Doch das ist nicht im Sinn des Protagonisten: „Leben will ich, alles andere ist Schwindel“, sagt er und geht von der Bühne.
    Die Alternative: Das Bühnenstück berichtet von einer Revolte. Ein Akademiker bricht aus seinem routinierten Leben aus, und es gelingt ihm, weitere Menschen von seinen Freiheitsideen zu überzeugen. Doch hier ist zu viel absurdes Theater im Spiel, als dass man „Graf Öderland“ als Revolutionsstück sehen könnte.
    Bleibt noch die psychiatrische Variante: Der Staatsanwalt verzweifelt an der Unvereinbarkeit von persönlicher Freiheit und dem Gemeinwohl und geistert als verwirrter Mörder durch die Lande.
    In der Gießener Aufführung klingen von allen Varianten einzelne Möglichkeiten an, und dieser spielerische Umgang mit dem Stoff ist es wohl auch, der den Theatermachern vor 60 Jahren fehlte. Mittlerweile hat sich viel geändert, der Krieg liegt weit zurück, doch Bombenattentate, terroristische Anschläge und Amokläufe beunruhigen die Menschen aufs Neue. Max Frisch hat von all dem nichts gewusst, vielleicht war es der hellsichtige Blick eines Künstlers, der ihn seiner Zeit voraus sein ließ.
    Lebhaftes Spiel
    Ein weiterer Grund für den Erfolg der aktuellen Inszenierung am Stadttheater mag sein, dass sich Regisseur Dirk Schulz nicht nur auf den reinen Text konzentrierte. Wo die Sätze zu sperrig, manchmal gar ein bisschen belehrend wurden, setzten die Akteure auf die Sinne der Zuschauer. Zu sehen gibt es genug: In erster Linie natürlich das lebhafte Spiel der hervorragenden Schauspieler, die mit Leichtigkeit gleich in mehrere Rollen schlüpften: Zu erwähnen ist hier zunächst Rainer Hustedt als Mörder, der in seiner Gefängniszelle fast treuherzig über seine Tat berichtet. Nebenher ist er auch noch als Kulturträger zu sehen. Wunderbar spielt Irina Ries, die gleich in drei koketten Rollen zu sehen ist: Hilde, Inge und Coco, alle drei sind Geliebte des Staatsanwalts. Bleibt die untreue Ehefrau Elsa, die souverän von Kyra Lippler dargestellt wird. Geschäftstüchtig und eloquent: Roman Kurtz in der Rolle des Verteidigers Dr. Hahn. Weitere Ensemblemitglieder, die ihre Rollen sichtlich mit Herz und Verstand ausfüllen: Corbinian Deller, Harald Pfeiffer, Petra Soltau, Milan Pesl, Carolin Weber und Rainer Domke.
    Einladung zum Staunen
    Spektakuläres bietet das Bühnenbild: Zunächst Fotos von Besuchern der „Langen Theaternacht“, die gleich drei Wände der ersten Szene im Arbeitszimmer zieren. Anzumerken bleibt, dass die Premiere von besonders vielen jungen Leuten besucht wurde, die unbedingt ihr Foto an der Wand entdecken wollten.
    Besonders überwältigt anschließend die düstere Öffnung der Bühne bis nach hinten zur Brandschutzmauer, wenn der Blick auf die Rebellen in der Kanalisation freigegeben wird. Ein Glaskubus als Köhlerhütte, Kronleuchter im Regierungspalast, bunte Kostüme und Masken: Für Staunen und Abwechslung ist gesorgt.
    Dazu trägt auch die Klanggestaltung von Fabian Kühlein bei. Max Frisch hatte in seine erste Fassung noch Moritate im Sinne von Bert Brechts „Seeräuberjenny“ geschrieben, später aber wieder gestrichen. Dafür erklingen jetzt der selbst verfasste Song „Santurin“, Barockmusik und die „Sexpistols“.
    Und sogar der Geruchssinn des Publikums wird einbezogen, wenn aus den Katakomben der Kanalisation Nebel bis ins Parkett dringt. Von manchen älteren Besuchern eher mit verärgertem Husten quittiert, freuten sich die Jüngeren doch über ein bisschen Discoatmosphäre. Knallereien, Farben, Musik: Das ist das Beste, was einem bisweilen sperrigen Stoff passieren kann. Schließlich hält sich das Publikum nicht in einer Vorlesung auf, sondern im Theater. 10.01.2011, Ulla Hahn-Grimm, Gießener Anzeiger