Stadttheater Giessen
    Kein öder Land in dieser Zeit

    Kein öder Land in dieser Zeit


    Dem Stück wie seiner Hauptfigur haftet der Makel der Unausgegorenheit an: Max Frischs „Graf Öderland“ in Gießen wirft dennoch etliche erfreulich offene Fragen in die Welt.


    Der Wutbürger steht auf im Lande, aber der interessiert den Grafen Öderland eigentlich nicht. Er will nicht Symbolfigur sein, und schon gar nicht will er Verantwortung tragen, außer für sich. Er will einfach nur leben, als könnte das Leben selbst dem Leben Sinn geben. Er hat natürlich keine Chance, aus mancherlei Gründen, unter anderem, dass man mit einer Axt nicht weit kommt, wenn einem ein Staat und eine Gesellschaftsordnung gegenüberstehen.
    Christian Fries, der im Stadttheater Gießen den ausgerasteten Staatsanwalt spielt, tut mit der Axt nichts eigentlich Böses. Er zieht das Baumarkt-Beil aus der Aktentasche, reckt es in die Luft und benutzt es, um sich selbst in eine Attitüde zu steigern, in der er wie ein Freiheitskämpfer aussieht. Die Axt ist eher Krücke für eine beschädigte Seele als Waffe.
    Genau darum taugt sie zum Symbol, denn das Land ist von lauter Inhabern beschädigter Seelen bewohnt, die auf Signale für Befreiung, für Machtübernahme, für etwas Großes warten. So groß wie ihre addierten Beschädigungen, möglicherweise. Die erhobene Axt wird zum Banner, dem sie folgen, weil sie etwas brauchen, dem sie folgen können. Das alles passiert im Hintergrund einer medial vermittelten Außenwelt und im Untergrund der Kanalisation. Oben will sich der Staatsanwalt in sich selbst zurückziehen, weil er dort einen Ort der Freiheit vermutet. Es ist immer dieselbe Frau, die ihn begleitet (Irina Ries als Hilde/Inge/Coco), es ist immer dieselbe (Kyra Lippler als Elsa), die ihn betrügt, und immer derselbe Nicht-Freund (Roman Kurtz als Doktor Hahn), der ihr assistiert.
    Christian Fries macht von Anfang an klar, dass er mit seiner chronischen Verärgerung, seinem unprofessionellen Staunen zu großen Revolten nicht in der Lage und zu kleinen Ausbrüchen zu unbescheiden ist. Er ist keine Führerfigur, nur ein wild gewordener Eigenbrötler. Damit trifft er, in Dirk Schulz’ Inszenierung, genau den Mittelweg, auf dem man mit diesem Theater-Misserfolg Max Frischs vielleicht ein Stück weiter kommt als in eine vordergründige politische oder hintergründig psychologisierende Ecke. Dem Stück haftet, wie seiner Hauptfigur, der Makel der Unausgegorenheit an, und der kann nur um den Preis unangemessener Verkürzung getilgt werden. In den raumtiefen optischen Täuschungen und klaren Begrenzungen von Bernhard Niechotz’ Bühne ist das vermeidbar. Der „Graf Öderland“ setzt im Stadttheater Gießen etliche erfreulich offene Fragen in die Welt. Hans-Jürgen Linke,10.01.201, Frankfurter Rundschau