Stadttheater Giessen
    Theatrale Sternstunde

    Theatrale Sternstunde

    Inszenierung von Peter Shaffers „Amadeus“ in Gießen
    Nach zweieinhalb Stunden intensivem und blutvollem Theater bedankte sich das volle Haus am Samstag mit Bravorufen und nimmermüdem Applaus.

    Die Neuinszenierung von Peter Schaffers Schwarzer Komödie „Amadeus“ durch Astrid Jacob mit Roman Kurtz als charismatischem Komponisten Salieri wurde zu einer theatralen Sternstunde im Stadttheater Gießen.
    Vielen ist der fulminante Film von Milos Forman aus dem Jahr 1984 noch in Erinnerung, da er auch unlängst wieder über den Bildschirm flimmerte. Auch die Inszenierung von henri Hehenemser 1982 am Stadttheater ist noch gegenwärtig, denn die Auseinandersetzung zwischen Salieris eigener Mittelmäßigkeit und Mozarts unerreichbarem Genie hat das Psycho-Drama zu einem Klassiker werden lassen. Astrid Jacob, in Gießen durch sensible Inszenierungen bekannt, lässt die Intrige um Salieris angeblichen Giftmord immer dichter werden, pendelt spannungsvoll zwischen eingefrorenen Szenen und exaltier ausbrechenden Momenten, ohne die versteckte Komik des Stückes zu vergessen. Die Sympathie liegt deutlich bei Salieri, der als Ich-Erzähler rückblendend seinen vergeblichen Kampf mit dem ihm unbegreiflichen Gott und dem aufgeregten, überspannten Mozart ausfechten muss.
    Schlüsselszene voller glaubhafter Emotion ist die Begegnung Salieris mit Mozart Gattin Constanze, die ihm die Noten ihres Gatten vorlegt und bereit ist, für eine Anstellung ihres Gatten dem eigentlich keuschen Hofkomponisten zu willen zu sein. Hier wie auch in anderen Szenen spürt man die sichere Hand von Kapellmeister Herbert Gietzen, der situativ Mozarts Musik einblendet. Irina Ries ist hier kämpferische und mutige Frau, die in ihrer Haltung dem arroganten Salieri Paroli bietet. Im Schlussbild nimmt sie den toten Mozart in ihren Schoß, das rührende Bild einer Schmerzensmutter.
    Corbinian Deller spielt den Mozart. Sein erstes festes Engagement in Gießen nach der Schauspielschule zeigt ihn wach und verletzlich. Zunächst so schrill wie die Filmfigur, doch im Verlauf des Abends wird aus dem Pausenclown ein gehetztes Wild, mit atemberaubender Sprechakrobatik und vehementem Körpereinsatz bis hin zum Burnout im weißen Kittel der Psychiatrie. Ein gleichwertiger „Gegner“ für Roman Kurtz, der souverän seinen Mammuttext strukturiert, als Entertainer, Beobachter, Opfer, zynisch und schleimend, Narziss und Feigling. Die Hofschranzen bleiben Stichwort gebende Hofschranzen, ohne in denunzierende Karikatur zu verfallen: Rainer Hustedt als Kaiser Joseph II. und Christian Fries als scharfer Direktor der Nationaloper. Für dieses bis zu letzten Minute aufregende Drama hat Lukas Noll ein geniales Bühnenbild geschaffen. Um die etwa 30 fortlaufenden Schauplätze flott zu wechseln, hebt er die Drehbühne gefährlich an, so dass Spielebenen oben und unten entstehen. Umgeben ist das Rund durch strahlenförmig nach oben zeigende Drahtbündel, die auch Saiten oder Notenlinien sein können. Während der Bühnenraum in seiner Künstlichkeit neutralisier, gleichen Requisiten und Kostüme (Tina Hempel) dies wieder aus.
    Peter Merck, Wetzlarer Neue Zeitung, 2.11.2010