Stadttheater Giessen
    Im Stadttheater: Bravos für 120 Jahre alte Neuentdeckung

    Im Stadttheater: Bravos für 120 Jahre alte Neuentdeckung


    Bravos für eine 120 Jahre alte Neuentdeckung: Die Oper »Lo Schiavo« des brasilianischen Komponisten Gomes wird im Stadttheater als deutsche Erstaufführung bejubelt.


    Groß war die Erwartung. Von einer Oper Verdi'schen Ausmaßes war im Vorfeld die Rede, von einem famosen Tonkünstler, den hierzulande zu Unrecht niemand kennt. Die Matinee am Sonntag vor der ersten Aufführung weckte Hoffnungen, alle Beteiligten zeigten sich begeistert von der Musik. Die Premiere der deutschen Erstaufführung am Samstag steckte also voller Lob, noch bevor der erste Vorhang sich hob.
    Und dann war am Ende nur noch Jubel. Die Oper »Lo Schiavo« des brasilianischen Komponisten Antônio Carlos Gomes (1836 -1896) ist das Werk eines Kantilenenliebhabers, eines verspielten Tonkünstlers, der für die Melodie alles tut. Gomes, der jahrelang in Italien lebte, hat mit seinem Spätwerk, das 1889 uraufgeführt wurde, sämtliche Register der romantischen Oper gezogen. Seine Arien, Duette und Terzette in italienischer Sprache (in Gießen mit deutschen Übertiteln; Libretto: Rodolfo Paravicini) verströmen betörenden Schmelz, die Chorpartien sind eine Wucht - Bravorufe und minutenlanger Applaus waren für alle auf der Bühne und im Graben der verdiente Lohn.
    Ganz so rund fing es allerdings nicht an. Der Prospekt, der während des Vorspiels und nach der Pause mit der Aufschrift »Wenn Gott Kaffee trinken würde, dann... Erlöserkaffee« den Blick auf die Bühne verhüllte, verpuffte als gut gemeinter Scherz. Der erste Akt wirkte zu Beginn musikalisch zerfahren. Das Orchester startete verhalten mit unsauberen Blechbläsern. Das an den Wänden hellblau gekachelte Bühnenbild (Bernhard Niechotz) ernüchtert mit dem Charme eines alten Hallenbads (in den Aufzügen drei und vier ist's eine Müllhalde), die Kostüme (Lukas Noll) erinnern an Mannschaftssport - die Sklaventruppe in Blau, die Aufseher in Gold-Schwarz.
    Danach aber nahm die Oper an Fahrt auf. Unter der Maxime »Je später der Abend, desto besser die Musik« erwuchs das Philharmonische Orchester Gießen unter der Leitung von Generalmusikdirektor Carlos Spierer zu einem sicheren Partner für die Solisten, warfen die Musiker den verhaltenen Auftakt beiseite wie einen alten Mantel und zeigten sich fortan in Frack und Spiellaune. Spierer, der einiges in der fehlerhaften Partitur aus Brasilien hatte handschriftlich korrigieren müssen, gelang es, im Orchester die nötige Spannung aufzubauen, um dem variablen Klangbild Würze zu verleihen. Den Erinnerungsmotiven, die meist auf vier Tönen basieren, folgte der Hörer auf Schritt und Tritt. Der dritte Akt mit seinen üppigen Arien und der Schlussteil mit dem betörenden Interludium »Alvorada«, einem Sonnenaufgang (Licht: Kati Moritz), hätten Stunden dauern mögen.
    Regisseur Joachim Rathke hat die Geschichte um Sklaverei, Machtmissbrauch, Folter und Rassismus samt der vertrackten Liebesstory zwischen Ilàra und Americo in die Neuzeit transportiert, aber das selbst gesteckte Ziel nicht erreicht. Zwar wird allenthalben mit Schusswaffen hantiert, sehen die Sklaven nach ihrer Befreiung in ihren roten Kapuzen-Sweatern aus wie Mitglieder einer Gang - dennoch überzeugt die Optik in Verbindung mit der Handlung nicht. Am deutlichsten wird dies im zweiten Akt, wenn die Contessa vor dem Hallenbadambiente des ersten Durchgangs während eines Festes in einer Art Schrein Mutter-Theresa-gleich durch den Raum schwebt, Rosenblätter verstreut und so den Sklaven die Freiheit schenkt - optisch eine misslungene Mixtur. Der Samba einer Tanzgruppe mit knapp bekleideten jungen Tänzerinnen aus Heuchelheim und Co. war mit den reichlich Haut zeigenden und farbenfrohen Kostümen samt üppigem Kopfschmuck schön anzusehen - rassiger Samba aber geht anders.
    Star des Abends war der von Jan Hoffmann einstudierte Chor und Extrachor des Stadttheaters. Mit 43 Sängerinnen und Sängern so groß besetzt wie nie zuvor, gelang dem Ensemble alles - vom zarten Reibelaut bis hin zum mächtigen 14-stimmigen Chorsatz, der in Ergänzung mit dem Tutti des Orchesters und der Stimmgewalt der Solisten den Großen Saal an seine akustischen Grenzen führte. Hoffmann hat mit dieser Arbeit sein Meisterstück abgeliefert. Der Chor gehört in Hessen zu den großen seiner Zunft und steht auf einer Stufe mit denen der Staatstheater. Allein seine Partien lohnen den Besuch von »Lo Schiavo«.
    Das gilt auch für Gastsänger Adrian Gans, dessen Jago (»Otello«) aus dem Vorjahr noch im Ohr schwingt. Der US-amerikanische Bariton gibt einen urgewaltigen Iberè. Aufgrund seiner durchschlagenden Stimmkraft gehen ihm zwar Piano-Facetten verloren, im Fortissimo aber singt er alles in die Knie - wenn es sein muss das komplette Orchester. Der Bariton erhielt am Ende in der Rolle des tragischen Sklaven verdientermaßen den heftigsten Applaus.
    Adrian Xhema (Americo) vom Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz ...sein Tenor verwöhnt ... mit romantischem Schmelz und paart sich in den Duetten aufs beste mit dem Sopran von Virginia Todisco (Ilàra). Die gebürtige Neapolitanerin blieb mimisch blass, lieferte dafür aber musikalische Feinkost. Duette wie die von Ilàra und Americo muss man andernorts mit der Lupe suchen.
    Mimisch unerreicht bleibt Carla Maffioletti als Contessa. Die einzige gebürtige Brasilianerin auf der Bühne spielt eine Französin - und das mit sichtlichem Spaß. Ihr Koloratursopran erklang wie immer ungewöhnlich rein, ihr Timbre ist so fein und perlend wie die Blubberbläschen des Champagners, den sie als Contessa schlürfte.
    Einen starken Eindruck hinterließ Stephan Bootz in gleich zwei Rollen (als Conte Rodrigo und Anführer der befreiten Sklaven). Dass er die Bass- und die Baritonlage sein Eigen nennen darf, verdient Respekt. Stimmlich bot er Gans Paroli. Alle übrigen Sänger - ein Lob für Chi Kyung Kim als Aufseher - sowie die Kinderstatisterie des Stadttheaters machten ihre Sache ebenfalls gut. »Lo Schiavo« ist eine 120 Jahre alte Neuentdeckung, die man in Gießen unbedingt auch in der nächsten Spielzeit sehen und hören können sollte. Manfred Merz, 31.01.2011, Gießener Allgemeine Zeitung