Stadttheater Giessen
    Liebe in Zeiten der Sklaverei

    Liebe in Zeiten der Sklaverei


    Wenn Gott Kaffee tränke, griffe er zu „Erlöserkaffee“ – so die Werbemasche jenes Konzerns, der mit der braunen Bohne gute Geschäfte macht. Nicht zuletzt, weil er auf billige Arbeiter, also moderne Sklaven zurückgreifen kann. Das maximiert den Profit enorm.
    Ausbeutung und Unterdrückung stehen im Zentrum von Lo Schiavo, der Geschichte von Iberè, der gegen die bestehenden Verhältnisse rebelliert. Der Brasilianer Antonio Carlos Gomes hat sie in eine Oper gegossen, die 1889 in Rio de Janeiro uraufgeführt wurde. In Gießen ist das Werk nun als deutsche Erstaufführung auf der Bühne zu erleben.
    Die Passion des afrikanischen und lateinamerikanischen Kontinents ist lang. Und deshalb versucht Joachim Rathke, dem konkreten Drama um Iberè eine überzeitliche Dimension zu geben, legt den Schwerpunkt aber aufs Heute. Die Kaffeefabrik (Bühne: Bernhard Niechotz) könnte aus dem 19. Jahrhundert stammen, die uniformierten Arbeiterinnen werden von ebenso uniformierten Wachmännern drangsaliert. Der gesellschaftliche Konfliktstoff liegt auf der Hand, hinzu kommt selbstverständlich eine Liebesgeschichte: Americo, der Sohn des Fabrikbesitzers verliebt sich in Ilàra, die einfache aber selbstbewusste Arbeiterin. Liebe ist’s von beiden Seiten aus, doch Americos Vater ist dagegen, schickt seinen Sohn als Offizier in den Krieg und lässt Ilàra zwangsverheiraten – mit Iberè. Das ist reichlich Konfliktpotenzial und Stoff für große Oper. Und genau das ist Gomes’ Lo Schiavo (Der Sklave) auch.
    Dass Gomes, 1836 in Brasilien geboren, seine wesentlichen Impulse als Komponist in Italien bekam, ist unüberhörbar. Schon gleich zu Beginn lässt er den Orchesterklang saft- und kraftvoll rauschen, instrumentiert virtuos und mit großer Farbigkeit, nutzt ganz unterschiedlich gestaltete Ensembles (Duette, Terzette, große Chorszenen), um starke Emotionen erfahrbar und erlebbar zu machen – Musik, die auf Verdi zurückblickt und Puccini schon ein wenig erahnen lässt, Klänge, in denen man als Zuhörer sofort „drin sitzt“. Und vielleicht hätte Lo Schiavo für Brasilien so etwas Ähnliches werden können wie Verdis Nabucco für Italien: eine Botschaft vom Humanum. Doch aufgrund äußerer Umstände kam Gomes’ Opus statt ein Jahr vor erst ein Jahr nach Abschaffung der Sklaverei in Brasilien heraus...
    Doch weil die Verhältnisse ja im 21. Jahrhundert strukturell nicht viel besser sind als damals, hat Lo Schiavo auch heute noch seine Berechtigung. Die Plantagenarbeiter von einst sind jetzt mit Maschinengewehren ausgestattet und rebellieren gegen die Oligarchen, die ihrem Reichtum frönen. Americo steht für all jene, die ihr Gewissen entdecken, sich von der upper class abwenden und ihr Herz fürs Volk entdecken. Wie die aus der Kolonialzeit übrig gebliebene Gräfin di Boissy: sie schenkt in einer theatralischen Mitleidsszene „ihren“ Sklaven die Freiheit, von der Regie herrlich kitschig überzeichnet – wie überhaupt die Mentalität der brasilianischen Bevölkerung, deren naive Frömmigkeit, aber auch dessen Wille zum Umsturz ganz gut eingefangen ist. Mitunter schießt das Regieteam übers Ziel hinaus, etwa dort, wo ein federbepuscheltes Samba-Sextett über die Bretter fegt. Etwas pathetisch auch der trostlose Favela-Hügel irgendwo an der Mündung eines trockenen Abflussrohres: dies die zweifelhafte „neue Heimat“ der soeben in die Freiheit Entlassenen.
    Das Ende von Lo Schiavo ist, dank einiger Missverständnisse, tragisch: Americo bekommt seine Ilàra, nachdem Iberè ihn aus der Hand der gewaltbereiten Rebellen befreit. Er selbst weiß, dass diese Rebellen ihn deshalb als Verräter ansehen – und richtet den Revolver gegen sich. Das sind dramatisch-verzweifelte Augenblicke dreier Menschen, hinter denen die Geschichte des aufbegehrenden Volkes dann deutlich zurücktritt.
    Die Gießener Inszenierung trumpft auf mit einer enormen musikalischen Qualität: das Philharmonische Orchester unter Carlos Spierer liefert subtile lyrische Farben (Streicher, Holz) genauso wie eruptive Ausbrüche mit massivem Blechbläsereinsatz. Ganz fabelhaft wird gesungen, allen voran von Adrian Gans in der Titelrolle – ein glanzvoller, starker Bariton mit üppiger Farbpalette, mit einer Präsenz auf der Bühne, die rundherum überzeugt. Das gilt nicht minder für Adrian Xhema als Americo, der seinen völlig mühelos schwingenden Tenor brillant bis in höchste Höhen führt und über das absolut passende helle, obertonreiche Timbre verfügt. Virginia Todisco verströmt ihren dramatischen Sopran mit dunkelroter Glut, mal verzweifelt, mal voller Rache, mal voll des Glücks – ein zutiefst glaubwürdiges Bild der Hin- und Hergerissenen. Stephan Bootz, seit letzter Spielzeit am Gießener Haus, lässt (wieder einmal) aufhorchen, schlüpft anfangs in die Rolle des Rodrigo, des Herrn über die Kaffeefabrik: mit (beabsichtigt) bebendem Vibrato und (beabsichtigt) rustikalem Timbre. Als Goitacà, den Anführer der befreiten Sklaven, macht er stimmlich mit raumgreifendem Bass unmissverständlich klar, wohin der Weg der Rebellen zu führen hat. Carla Maffioletti, ebenfalls seit 2009 im Ensemble, ist als Gräfin di Boissy völlig rollen- und typengerecht eingesetzt, wenngleich ihr sicher geführter und klangschöner Sopran mitunter etwas verhalten wirkt. Den Gianfèra, Anführer der Security-Abteilung, gibt Chi Kyung Kim durch und durch verlässlich; die weiteren kleineren Rollen sind bei Paul Przybilski, Sang-Kiu Han, Antje Tiné und Vito Tamburro in guten Händen und Kehlen. In ausgezeichneter Verfassung zeigen sich Chor und Extrachor (Einstudierung Jan Hoffmann), Sambagruppe und Kinderstatisterie sorgen jeweils für typisches Kolorit.
    Das Premierenpublikum ist stolz auf die bemerkenswerte Leistung sowohl im Orchestergraben als auch auf der Bühne und hat Freude an dieser Wiederentdeckung. Davon hat es in den letzten Jahren immer wieder welche gegeben, sie sind, auch aus dem Blickwinkel der überregionalen Berichterstattung, ein „Markenzeichen“ des Stadttheaters Gießen geworden. Das ist gut.
    Christoph Schulte im Walde, Opernnetz