Stadttheater Giessen
    Fabelhafte Elfenwelt im Stadttheater

    Fabelhafte Elfenwelt im Stadttheater


    Getanzter »Sommernachtstraum« hat in der Choreografie von Tarek Assam und David Williams gefeierte Premiere.


    Der Shakespearesche »Sommernachtstraum« ist eine Komödie. Soviel steht fest. Doch was das Team um Ballettdirektor Tarek Assam daraus entwickelt hat, übertrifft alle Erwartungen. Das Verwirrspiel um Liebe und Sehnsucht, Lust und Eifersucht haben Assam und sein Ko-Choreograf David Williams zu einem genüsslichen Augen- und dank der Musikauswahl auch zu einem Ohrenschmaus gemacht. Selten versprüht ein Tanzstück soviel Witz und Humor, hat das Publikum soviel zu lachen. Lang anhaltender Applaus belohnte die Akteure. Der Gießener »Sommernachtstraum« verspricht zu einem neuen Erfolgsstück zu werden.

    An der hervorragenden Teamarbeit haben mitgewirkt: das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Carlos Spierer, das die musikalische Version von Felix Mendelssohn Bartholdy mitreißend umsetzte; dazu kamen zwei schunkelnde Johann-Strauß-Walzer. In Szenen, wo romantische Klänge nicht passen, ertönt Rockmusik der Gruppe B 52 aus den Lautsprechern. Ein faszinierendes Bühnenbild schuf Fred Pommerehn, das wohl ohne die Tüftelei und Tatkraft der Haustechnik nicht umzusetzen gewesen wäre. Plexiglas-Kuben lasten schwer wie Mauerwerk auf dem Boden und schweben im nächsten Moment leicht wie Seifenblasen in die Luft; sie scheinen regelrecht zu tanzen, was mit der aparten Beleuchtung zu poetischen Bildern wird.

    Die verwickelte Geschichte wird detailgetreu erzählt, doch sind die Schauplätze sehr heutig. Mit Linienrastern angestrahlt werden die Kuben zur Hochhaus-Großstadt, grün beleuchtet mutieren sie zum Wald. Auch das Personal erfährt einen Aktualitätsschub: Das Herrscherpaar Theseus und Hippolyta wird zum eleganten Lifestyle-Paar in coolem Blau, das Elfenpaar Oberon und Titania wird zu Drogenbaronen im südamerikanischen Dschungel. In beiden Paarversionen brillieren Magdalena Stoyanova und Meindert Ewout Peters mit großer Souveränität. Die Handwerker scheinen weniger heutig, sondern dem Zwergenfilm von Otto entsprungen zu sein: Zipfelmützen und Tolpatschigkeit sind Garanten für viele Lacher im Publikum.

    Diese Tänzergruppe muss sich mehrfach umziehen (Kostüme: Gabriele Kortmann), da sie auch die Elfenschar darstellt, die in Tarnanzügen mit strubbeligem Irokesen-Haarschnitt ihr geschmeidiges Wesen treiben. Das waren bei der Premiere (hier wechselt die Rollenbesetzung bei den Frauen): Ekaterine Giorgiadze, Svende Obrocki, Alexey Dmitrenko, Sven Krautwurst. Für den verletzten Hua-Bao Chien war der choreografische Assistent Jeremy Green eingesprungen, der damit auch die Rolle des Zettel übernommen hatte. Diesem wird bekanntlich vom Puck ein Eselskopf angezaubert, und er macht in dieser Verwandlung dann mit der Elfenkönigin Liebe. Wunderbare Szenen entstehen, in denen Stoyanova die liebestolle und kratzbürstige Domina gibt, Green den triebgesteuerten und unterwürfigen Tiermenschen.

    Insgesamt gesehen ist dies ein Stück des Puck in der Idealbesetzung durch die kleine, agile Nina Plantefève-Castryck, die erst seit Kurzem bei der Tanzcompagnie Gießen ist. Ausgestattet mit einem Kostüm, das zwischen Punker und römischem Legionär changiert, ist sie beinahe ununterbrochen auf der Bühne präsent. Sie beobachtet und kommentiert alles, greift auch tatkräftig in das Geschehen ein, wenn es gar zu chaotisch wird. Bezaubernd und atemberaubend zugleich ist ihre Darstellungskraft: Sie wirbelt um alle herum, hat vor nichts und niemand Respekt, behält ihre Originalität noch im kleinsten manierierten Detail (Kratzen und Kopfschütteln etwa).
    Die Wunderblume aus dem Original, mit der Puck die Liebenden verzaubert, wird in der Assam-Williams-Interpretation zu Joints, aus denen Haschischwolken über die Rampe wabern, wonach sich anschließend alle in traumseligen Bewegungen verlieren. Im Hintergrund ist gar eine Gruppensexszene angedeutet, die das Bild der Hippie-Generation vervollständigt. Die beiden Paare (Hermia/Helena, Lysander/Demetrius), die lange brauchen, um den jeweils rechten Partner zu finden, werden von Morgane de Toeuf und Antonia Heß, von Christoper Basile und Keith Chin unbedarft jung dargestellt. Überraschend ist Antonia Heß, die man noch nie so weiblich und verführerisch sah.

    Schließlich setzt Oberon mit der Hilfe von Puck dem triebgesteuerten Treiben ein Ende, nicht zuletzt auch deswegen, damit er seine Titania in alter Kratzbürstigkeit wieder in die Arme schließen kann. Die Hochzeit in der Stadt ist überaus witzig in Szene gesetzt: Zum Mendelssohnschen Hochzeitsmarsch schreiten die drei Paare hoheitsvoll durch einen Vorhang, voraus tänzelt ein Rosenblätter werfender Puck. Wie in einer Endlosschleife wird dies wiederholt und gerät irgendwann außer Kontrolle, alte Streitigkeiten brechen wieder auf. Und das Publikum klatscht hemmungslos mit.

    Dann sind da noch die Handwerker, die zur Hochzeit das Stück »Pyramus und Thisbe« einstudiert haben. Es folgt eine grandiose Persiflage auf misslingende Laientheateraufführungen, in der besonders Sven Krautwurst als tuntige Thisbe zu Lachtränen rührt. Der Ordnung halber folgt noch eine Szene mit Tanz, in der schließlich alle über ihre bunten Kostüme wieder die schwarzen Einheits-Joggingjacken vom Beginn überziehen. Der Traum ist zu Ende, der Alltag zurückgekehrt.

    Obwohl an dieser Produktion so viele Mitwirkende beteiligt sind, wirkt es wie aus einem Guss. Alle sind mit großem Engagement, Spaß und in Bestform dabei. Ein großartiges, trotz gewisser Szenen auch familientaugliches Tanzstück. Dagmar Klein, 14.02.2011, Gießener Allgemeine Zeitung