Stadttheater Giessen
    Punkiger Kobold verzaubert Publikum

    Punkiger Kobold verzaubert Publikum

    Tänzerische und schauspielerische Glanzleistungen bei Premiere von „Ein Sommernachtstraum“


    Mit dem Tanzstück „Ein Sommernachtstraum“ ist dem Gießener Ensemble wieder ein besonderes Kabinettstückchen geglückt. Minutenlanger Applaus nach der Premierenaufführung zeigte, dass sich das Publikum bestens unterhalten fühlte. Neben den Choreographen Tarek Assam und David Williams galt der Jubel auch dem musikalischen Leiter Carlos Spierer, Bühnenbildner Fred Pommerehn und Gabriele Kortmann (Kostüme). Nicht zu vergessen natürlich die Tänzer, die zwei Stunden lang Glanzleistungen präsentierten. In Starposition diesmal Nina Plantefève-Castryck, die als punkiger Kobold Puck von Anfang an die Zuschauer verzaubert hatte.
    Noch ist der Vorhang geschlossen, als Puck das erste Mal auftaucht. Der kleine Rotschopf macht Faxen, dirigiert das Orchester, das schließlich mit der Ouvertüre „Ein Sommernachtstraum“ von Felix Mendelssohn Bartholdy einsetzt. Das ist der Auftakt zu einer tänzerischen und schauspielerischen Glanzleistung. Puck hat während des ganzen Stücks kaum einen Moment Zeit zu verschnaufen, denn er/sie ist immer in die Handlung verwickelt, manchmal fast als eine Art Moderator, der aber zugleich mit bösen Streichen und Fußtritten seine Mitspieler malträtiert. Und Puck ist auch derjenige, der den Zauberstoff verteilt: Bei Shakespeare handelt es sich dabei um Tropfen, in der Gießener Inszenierung sind daraus dicke Haschisch-Joints geworden.
    Doch um was geht es hier überhaupt? In dem informativen und einfallsreich gestalteten Programmheft von Dramaturgin Johanna Milz ist die Handlung zusammengefasst: Die erste Szene spielt in einer Großstadt: Theseus wird anlässlich seiner Hochzeit mit Hippolyta in ein paar Tagen ein großes Fest für die ganze Stadt geben. Hermia und Lysander lieben sich. Auch Demetrius findet Hermia toll, obwohl er mit Helena verlobt ist. Die vier Liebenden flüchten in den Wald.
    Jeder will mal mit jedem
    Die Fürsten des Waldes, Oberon und seine Frau Titania, sind aufeinander eifersüchtig. Oberon befiehlt Puck, die Zauberblume zu besorgen. Doch damit nicht genug: Angeführt von Zettel zieht eine Handwerkertruppe in den Wald, um ein Theaterstück zu proben. Das Drama soll zur Hochzeit von Theseus und Hippolyta aufgeführt werden. Die drei Gruppen stoßen aufeinander, und damit geht das Chaos erst richtig los. Eigentlich stellt sich nur eine Frage: Was hat Shakespeare damals im Jahr 1595 nur geraucht, dass er derart wirre Dinge zu Papier brachte?
    Der Gießener Inszenierung ist es gelungen, dieses poetische Stück aus der Renaissance ohne Substanzverlust für die Gegenwart zu bearbeiten. Aus der antiken Stadt Athen wird eine moderne Großstadt, aus dem Zauberwald ein Dschungel.
    Mit Hilfe des „Stoffs“ können Oberon (Meindert Ewout Peters) und Puck die Leidenschaften aller Beteiligten durcheinanderwirbeln. Titania (Magdalena Stoyanova) verfällt leidenschaftlich dem Handwerker Zettel (Jeremy Green), der plötzlich einen Eselschwanz trägt. Lysander (Christopher Basile) und Demetrius (Keith Chin) wollen beide Helena (Morgane de Toeuf/Svende Obrocki). Dann wird auch noch Hermia (Antonia Heß/Ekaterine Giorgadze) ins Liebesspiel einbezogen.
    Jeder will mal mit jedem und jeder darf mal mit jedem, Konventionen und Regeln sind außer Kraft gesetzt. Beteiligt an dem wilden Spiel zudem als Handwerker: Alexey Dmitrenko und Sven Krauwurst.
    Für Choreographen sind die Liebesspiele ein willkommenes Motiv für Schwelgen und Toben, Leidenschaft und Hingabe. Dabei werden zur Musik von Mendelssohn Bartholdy, Johann Strauß und der Rockband B 52 verschiedenste Stilrichtungen des modernen Tanzes miteinander verquickt und phantasievoll kombiniert. Musikalisch besonders anrührend sind jene magischen vier Akkorde, mit denen Mendelssohn das Tor zum mondbeschienenen Reich Oberons öffnet. Das Philharmonische Orchester Gießen ist in dieser Aufführung wieder von seiner besten Seite zu erleben.
    Fred Pommerehn (in Gießen schon bestens durch frühere Arbeiten bekannt) gelingt es mit seinem im wahrsten Sinne des Wortes glanzvollen Bühnenbild, die Wirkung der Tanzenden um ein Vielfaches zu erhöhen. Riesige Quader aus Acryl, je nach Lichtverhältnissen und Position durchscheinend oder reflektierend, ermöglichten immer wieder neue Perspektiven in die Zauberwelt der liebenden Paare.
    Nach dem weltbekannten „Hochzeitsmarsch“ von Mendelssohn Bartholdy, zu dem sich das Gießener Ensemble ein besonders nettes Arrangement mit den drei Brautpaaren ausgedacht hatte, gibt es im Shakespeare‘schen Sinne auch noch ein kleines Schauspiel zu bewundern: „Pyramus und Thisbe“, das die Handwerker zu den Hochzeitsfeierlichkeiten präsentieren. Einfach köstlich, doch damit ist das Spiel zu Ende, und Puck löscht das Licht. Die „inspirierte Zusammenarbeit“ von Künstlern verschiedener Sparten hatte sich erneut bewährt. Ulla Hahn-Grimm, 14.02.2011, Gießener Anzeiger