Stadttheater Giessen
    Genuss für Augen und für Ohren

    Genuss für Augen und für Ohren

    "Ein Sommernachtstraum"


    Wer liebt hier eigentlich wen? Das ist die entscheidende Frage in William Shakespeares berühmter Komödie "Ein Sommernachtstraum". Am Samstag feierte die Geschichte um die Wirrungen der Liebe als Tanzstück am Stadttheater Premiere.

    Soviel steht fest: Den Gießenern ist es gelungen, ein Feuerwerk der Sinnlichkeit zu entfachen, das den Zuschauer in rund zwei Stunden Spielzeit kaum Atem holen lässt. Bisweilen hocherotische Choreografien, ein innovatives Bühnenbild und ein ordentlicher Schuss Humor bescherten am Ende der Inszenierung von David Williams und Tarek Assam reichlich Applaus. Generalmusikdirektor Carlos Spierer hatte die musikalische Leitung übernommen.

    Kribbeln im Bauch, Betrug, Verrat und Eifersucht - nein, die Liebe ist keine einfache Angelegenheit. Das weiß auch Shakespeare (1564 bis 1616) in seinem "Sommernachtstraum" zu vermitteln. Der spielt zwar ursprünglich im Athen der Antike, doch Williams und Assam haben sich entschieden, ihn kurzerhand in die Neuzeit zu verlegen. Eigentlich ist die Handlung jedoch zeitlos: Hippolyta und Theseus, Herrscher der Stadt, planen ihre Hochzeit. Auch Hermia und Lysander sowie Demetrius und Helena lieben sich, es gibt allerdings ein Problem. Denn Demetrius fühlt sich auch zu Hermia hingezogen. Aber zunächst zieht es die vier gemeinsam in den Wald.

    Und dann sind da noch Oberon und Titania, als Elfenkönigspaar Vertreter der fantastischen Welt, zwischen denen ein Streit ausgebrochen ist. Um sich zu revanchieren, fordert Oberon Puck - den kleinen und flinken Elfen, der von Anfang an durch die Handlung huscht - auf, die Zauberblume zu beschaffen. Ihre Kraft kann die Liebe zwischen zwei Menschen entfachen, und das Chaos nimmt im Wald seinen Lauf: Plötzlich wird Helena von Lysander und Demetrius begehrt, und Titania verliebt sich in den Handwerker Zettel, der pikanter Weise einen Eselskopf trägt. Am Ende stellt Oberon die Ordnung wieder her und die ursprünglich füreinander bestimmten Paare heiraten.

    Bühnenbild ergänzt die Darbietung der Tänzer erstklassig

    Das ist die Handlung, die schon bei Shakespeare vor Erotik und Sinnlichkeit strotzt. Die Tanzcompagnie hat noch eine Schippe drauf getan, ohne dabei jedoch plakativ oder aufdringlich zu werden. Es ist das reine Vergnügen, der tänzerischen Entfachung des Feuers der Leidenschaft - umgesetzt in einer präzisen und doch federleichten Choreografie - zuzusehen. Hut ab vor der souveränen Leistung der Akteure, von denen einige besonders hervorstachen. Nina Plantefève-Castryck verzauberte als frecher Puck, der die Sympathien des Publikums immer auf seiner Seite hatte.

    Wenn Meindert Ewout Peters als Theseus oder Oberon die Szene betrat, beeindruckt seine hemdsärmlige Dominanz. Und Magdalena Stoyanova? Was soll man sagen, außer: Ihre starke Präsenz als Person und Tänzerin ist eindrucksvoll.

    Erstklassig ergänzt wurde die Darbietung durch Fred Pommerehns innovatives Bühnenbild, einer Anzahl transparenter Würfel mit einer Kantenlänge von etwa einem Meter. Zu Beginn bilden sie die Fassade eines Wolkenkratzers, um im Verlauf des Stücks per Seilzug immer wieder neu arrangiert zu werden.

    Der Transfer in die Moderne wird unter anderem durch angedeuteten Haschischkonsum, aber auch durch temperamentvolle Hip-Hop-Rhythmen geleistet. Sie standen in scharfem Kontrast zu Mendelssohn-Bartholdys "Sommernachtstraum", mit dem das Philharmonische Orchester gewohnt souverän begleitete.

    Kurzum: "Ein Sommernachtstraum" ist ein Genuss für Augen und Ohren.
    Stephan Scholtz, Wetzlarer Neue Zeitung, 15. Februar 2011