Stadttheater Giessen
    Brasilianische Oper in Gießen

               
    Brasilianische Oper in Gießen:

    „Lo schiavo“ von Antônio Carlos Gomes


    Eine besondere Opernrarität steht zurzeit im Stadttheater Gießen auf dem Programm: „Lo schiavo“ („Der Sklave“) des brasilianischen Komponisten Antônio Carlos Gomes (1836 – 1896), von dem zuletzt in Europa die Freiheitsoper „Salvator Rosa“ in Braunschweig zu sehen war. Die Uraufführung von „Lo schiavo“ fand 1889 in Rio de Janeiro statt. Auch diese Oper ist unüberhörbar eine Hymne an die Freiheit. Inspiriert von den kolonialen Missständen in seinem Heimatland schuf Gomes mit „Lo schiavo“ ein Werk, das die Menschen in Brasilien wachrütteln sollte.
    Die Handlung der Oper, deren Libretto von Rodolfo Paravicini stammt, spielt in Brasilien im Jahr 1567. Über das Land herrschen die Portugiesen, die Indios dienen ihnen als Sklaven. So steht die Liebe von Americo, dem Sohn eines Plantagenbesitzers, und der Sklavin Ilàra unter keinem guten Stern. Sie schwören zwar einander ewige Liebe, doch wird Ilàra gezwungen, den Sklaven Iberè zu heiraten. – Als die Gräfin di Boissy, die Americo liebt, erfährt, dass er nicht sie, sondern Ilàra liebe, entlässt sie während eines Festes ihre Sklaven in die Freiheit und plädiert für die Abschaffung der Sklaverei. Unter den Freigelassenen befinden sich auch Ilàra und Iberè, dem Americo Rache schwört. – Bei einer Sklavenrevolte trifft Americo seine Geliebte wieder, stößt aber auch auf Iberè, den Anführer der Aufständischen. Zwischen Freiheitsdrang, Opferbereitschaft und Todessehnsucht schwankend, stehen nun alle drei vor der wichtigsten Entscheidung ihres Lebens. Obwohl Iberè Gelegenheit hätte, seinen Rivalen Americo, den Ilàra immer noch liebt, zu töten, verhilft er den beiden zur Flucht. Er richtet sich schließlich vor seinen aufgebrachten Kampfgefährten selbst.
    Joachim Rathke inszenierte die Oper mit dramatischer Pranke als Plädoyer gegen jedwede Sklaverei, wobei er dem Chor besondere Aufmerksamkeit widmete. Das eher nüchtern gehaltene Bühnenbild, dessen einziger „Schmuck“ ein großer, bunter Altar war, schuf Bernhard Niechotz, die Kostüme – erotisch bei Ilàra, „Einheitstracht“ bei den Sklaven und Aufständischen, elegant und prächtig bei der Gräfin und ihren Tänzerinnen – entwarf Lukas Noll.
    Die Titelrolle, den Sklaven Iberè, stellte der junge amerikanische Bariton Adrian Gans dar. Großgewachsen und ausgestattet mit kräftiger Stimme hatte er eine starke Bühnenpräsenz, die er voll auszuspielen verstand. Leider verfiel er wie auch die meisten anderen Sängerinnen und Sänger in eine Lautstärke, die den Ohren des Publikums einiges zumutete! Als ob das Ensemble beweisen wollte, auch in einem großen Opernhaus jederzeit bestehen zu können.
    Adrian Xhema, der albanische Tenor – seit Jahren Ensemblemitglied am Staatstheater am Gärtnerplatz in München –, strapazierte seine Tenorstimme als Americo ebenfalls übermäßig. Die italienische Sopranistin Virginia Todisco – eine Augenweide als seine Geliebte Ilàra – hielt stimmlich voll mit. Der Bass Stephan Bootz, der sowohl den Conte Rodrigo wie auch Goitacà, den Anführer der befreiten Sklaven gab, hielt sich als Rodrigo eher zurück. Ausgezeichnet die brasilianische Sopranistin Carla Maffioletti als Gräfin di Boissy. Sie spielte ihre „vornehme“ Rolle mit Augenzwinkern und begeisterte auch bei ihren Koloraturen durch ihre gute Stimmführung. Hätte das gesamte Ensemble in ihrer Lautstärke gesungen, wäre es ein erstklassiger Abend geworden.
    Zu erwähnen wäre noch der Bass Chi Kyung Kim, der den Aufseher Gianfèra martialisch spielte und sang, sowie der Chor und Extrachor des Stadttheaters Gießen, der stimmkräftig (fast eine Untertreibung!) agierte und das Bühnengeschehen auch schauspielerisch bereicherte (Leitung: Jan Hoffmann). Für einen farbigen Aufputz sorgte die Sambagruppe mit ihren prächtigen Kostümen und ihrem Tanz auf dem Fest der Gräfin. Der Dirigent Carlos Spierer, Generalmusikdirektor des Hauses, ließ das Philharmonische Orchester Gießen viel zu laut spielen. Möglicherweise der Hauptgrund, warum sich das Ensemble einer solchen Lautstärke befleißigte. Udo Pacolt, Neuer Merker, 14.02.2011, Wien – München