Stadttheater Giessen
    LO SCHIAVO – (Der Sklave)

    LO SCHIAVO – (Der Sklave)
    Oper von Antônio Carlos Gomes | in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln


    Die 1889 uraufgeführte brasilianische Oper von Antônio Carlos Gomes feierte seine deutschlandweite Premiere am Stadttheater Gießen.

    Die Sklavin Ilarà und Americo, der Sohn eines Plantagenbesitzers, sind schwer verliebt. Doch diese Liaison wird nicht geduldet, da Americo die Gräfin Boissy heiraten soll. Zudem ist Ilarà schon mit dem Sklaven Iberè verheiratet. Es ist ein Drama um Liebe, Eifersucht, Freundschaft, Treue, Verzicht und Tod.
    Zudem wird das Thema der Sklaverei behandelt, was den eigenen Kampf des Komponisten gegen die Sklaverei widerspiegelt.

    Das Stück beginnt mit einem bühnengroßen Banner mit der Werbeaufschrift: „Wenn Gott Kaffe trinken würde, dann … Erlöserkaffee.“ Das ist eine von den skurrilen Elementen, die Joachim Rathke in seinem Stück verwendet, gefolgt von dem in Türkis und Rosa gehaltenen Bühnenbild, das an eine Fabrikhalle erinnert, und der Gräfin, die als Madonna verkleidet in einer vergoldeten Attrappe über die Bühne schwebt, Rosenblätter verstreut und das Ende der Sklaverei verkündet.
    Rathke versetzt die Geschichte um Sklaverei, Machtmissbrauch, Folter und Rassismus samt der vertrackten Liebesstory zwischen Ilàra und Americo vom 16. Jahrhundert in die Gegenwart. Doch dabei geht die Tragik der Liebenden verloren und der Kampf um die Sklaverei rückt völlig in den Hintergrund.
    Dennoch ist es ein farbenfrohes Spektakel auf der Bühne. Auch wenn es die heuchelheimer Sambatänzerinnen trotz reichlich viel nackter Haut und üppigen Kostümen nicht schaffen, rassigen, brasilianischen Samba herüberzubringen, so ist es dennoch schön fürs Auge.
    Eine der gelungensten und schönsten Szenen ist die auf der Müllkippe, wo Rathke Kinder einsetzt, die Mülltüten in der Luft schweben lassen. Hier schafft das Zusammenspiel von Musik und Inszenierung einen vollkommenen Moment zu schaffen, der den Zuschauer in einen Stillstand versetzt.

    Die Musik, die an Guiseppe Verdi erinnert, ist bombastisch. Die Presse urteilt über Antônio Carlos Gomes: „Es wurden alle Register der romantischen Oper gezogen. Seine Arien, Duette und Terzette in italienischer Sprache verströmen betörenden Schmelz und die Chorpartien sind eine Wucht.“  
    Das Philharmonische Orchester Gießen spielt unter der Leitung von Generalmusikdirektor Carlos Spierer, der Einiges in der fehlerhaften Partitur aus Brasilien handschriftlich hinzufügen musste. (Presse: „Spierer ist es gelungen, Spannung aufzubauen, um dem variablen Klangbild Würze zu verleihen.“).

    Der Gastsänger Adrian Gans (Iberè) wurde in der Presse hochgelobt: „ Aufgrund seiner durchschlagenden Stimmkraft gehen ihm zwar Piano-Facetten verloren, im Fortissimo aber singt er alles in die Knie - wenn es sein muss, das komplette Orchester.“
    Aber auch von den anderen Solisten war die Presse angetan:
    „Adrian Xhema (Americo) vom Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz ...sein Tenor verwöhnt  mit romantischem Schmelz und paart sich in den Duetten aufs beste mit dem Sopran von Virginia Todisco (Ilàra). Die gebürtige Neapolitanerin blieb mimisch blass, lieferte dafür aber musikalische Feinkost. Duette wie die von Ilàra und Americo muss man andernorts mit der Lupe suchen.“
    Carla Maffioletti (Gräfin), die einzige gebürtige Brasilianerin, spielte auf der Bühne eine Französin - und das mit sichtlichem Spaß. „Ihr Koloratursopran erklang wie immer ungewöhnlich rein, ihr Timbre ist so fein und perlend wie die Blubberbläschen des Champagners, den sie als Contessa schlürfte.“

    Doch als Star des Abends wurde der von Jan Hoffmann einstudierte Chor und Extrachor des Stadttheaters bezeichnet: „Mit 43 Sängerinnen und Sängern so groß besetzt wie nie zuvor, gelang dem Ensemble alles - vom zarten Reibelaut bis hin zum mächtigen 14-stimmigen Chorsatz, der in Ergänzung mit dem Tutti des Orchesters und der Stimmgewalt der Solisten den Großen Saal an seine akustischen Grenzen führte. Hoffmann hat mit dieser Arbeit sein Meisterstück abgeliefert. Der Chor gehört in Hessen zu den großen seiner Zunft und steht auf einer Stufe mit denen der Staatstheater. Allein seine Partien lohnen den Besuch von »Lo Schiavo«.“

    Das Stück ist mit seinen 150 Min. (+15 Min. Pause) überaus lang, aber trotzdem ist es einen Besuch Wert, wenn man bedenkt, dass eine deutschlandweite Premiere sich vor der Haustür abspielt. Vor allem mit ein wenig Hintergrundwissen ist es Interessant, dem Geschehen zu folgen.
    Martha Rave, LLG Kulturblog, 07. Februar 2011