Stadttheater Giessen
    Kleiner Puck ganz groß

    Kleiner Puck ganz groß

    Eine unverwüstliche Komödie, das ist der „Sommernachtstraum“ von Shakespeare. Und es ist ein freches Lehrstück für das Streben nach individueller Freiheit, das leicht im Chaos endet, um wieder zur Ordnung zurückgeführt zu werden. Der Gießener Ballettdirektor Tarek Assam hat daraus ein ausgesprochen unterhaltsames, zeitgemäßes und witziges Tanzstück gemacht, gemeinsam mit einem hoch motivierten Team bestehend aus: Ko-Choreograf David Williams, Bühnenbildner Fred Pommerehn, Kostümbildnerin Gabriele Kortmann und Generalmusikdirektor Carlos Spierer, der das Philharmonische Orchester des Stadttheaters Gießen sicher durch die Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy dirigierte, dazu zwei schwungvolle Johann Strauß-Walzer intonierte. Der dritte Musikpart kam aus den Lautsprechern und stammt von B52; die amerikanische Rock-Pop-Band aus den 1970er/80er Jahren mit der ausgesprochen tanzbaren Musik.
    Das Bühnenbild besteht aus Plexiglas-Kuben, die mal lastende Schwere symbolisieren, mal leicht wie Seifenblasen in der Luft tanzen; zusammen mit der aparten Beleuchtung entstehen geradezu poetische Bilder. Die verwickelte Geschichte um Liebe und Sehnsucht, Lust und Eifersucht ist auf heutige Schauplätze verlegt, ebenso ist das Personal aktualisiert: das Herrscherpaar Theseus und Hippolyta wird zum eleganten Lifestyle-Paar in coolem Blau, das Elfenpaar Oberon und Titania wird zu Drogenbaronen im südamerikanischen Dschungel. Beide Paare werden von Magdalena Stoyanova und Meindert Ewout Peters souverän getanzt. Die vier Handwerker scheinen direkt dem Zwergenfilm von Otto entsprungen zu sein, sorgen mit Zipfelmützen und Tolpatschigkeit für viele Lacher. Diese Tänzergruppe stellt auch die umtriebige Elfenschar dar, in Tarnanzügen mit strubbeligem Irokesen-Haarschnitt.
    Das waren bei der Premiere (hier wechselt die Rollenbesetzung bei den Frauen): Ekaterine Giorgadze, Svende Obrocki, Alexey Dmitrenko, Sven Krautwurst. Für den verletzten Hua-Bao Chien war der choreografische Assistent Jeremy Green eingesprungen, der damit die Rolle des Zettel übernommen hatte. Mit dem angezauberten Eselskopf kommt es zu wunderbarem Liebesszenen, in denen Stoyanova die liebestolle und kratzbürstige Domina gibt, Green den triebgesteuerten und unterwürfigen Tiermenschen.
    Die Hauptperson des Stücks ist – zumindest in der Gießener Version - der kleine Elf namens Puck. Die kleine, agile Nina Plantefève-Castryck, die erst seit kurzem bei der Tanzcompagnie Gießen ist, darf als Idealbesetzung bezeichnet werden. In ihrem Kostüm zwischen Punker und römischem Legionär ist sie beinahe ununterbrochen auf der Bühne präsent. Sie beobachtet und kommentiert alles, greift auch tatkräftig in das Geschehen ein, wenn es zu chaotisch wird. Sie wirbelt um alle herum, hat vor nichts und niemand Respekt, behält ihre Originalität noch im kleinsten Detail und liefert sich zauberhafte Duette mit Oberon und Titania.
    Die Wunderblume, mit der Puck die Liebenden auf Befehl von Oberon verzaubert, wird hier - sehr heutig - zum Joint. Haschischwolken versetzen alle in traumseligen Bewegungen, im Hintergrund ist Gruppensex angedeutet. Die freie Liebe und Summer of Love-Generation feiert fröhliche Auferstehung, zu der die Musik von B52 passt („Good stuff“). Die beiden Paare (Hermia/Helena, Lysander/Demetrius), die lange brauchen, um den jeweils rechten Partner zu finden, werden von Morgane de Toeuf, Antonia Heß, Christoper Basile und Keith Chin unbedarft jung dargestellt.
    Als hormonell wieder alles in Ordnung gebracht ist, schreiten die drei Paare in der Stadt zum Mendelsohnschen Hochzeitsmarsch, voraus tänzelt ein Rosenblätter werfender Puck. Was hoheitsvoll beginnt, wird in einer Endlosschleife wiederholt und gerät außer Kontrolle. Das Publikum klatscht hemmungslos mit.

    Es fehlt auch nicht das Stück im Stück: „Pyramus und Thisbe“, das die Handwerker zur Hochzeit einstudiert haben. Daraus wird eine grandiose Persiflage auf Laientheaterstücke, insbesondere Sven Krautwurst rührt als tuntige Thisbe („Er gehört zu mir“ trällernd) zu Lachtränen. Der Ordnung halber folgt noch eine Szene mit Tanz, in der schließlich alle über ihre bunten Kostüme wieder die schwarzen Einheits-Joggingjacken vom Beginn überziehen. Der Traum ist zu Ende, der Alltag zurückgekehrt.

    Das Stück ist trotz vieler Beteiligter wie aus einem Guss. Alle engagieren sich mit Spaß und in Bestform. Prädikat: Beste Unterhaltung im Tanz. Der Gießener „Sommernachtstraum“ verspricht zu einem neuen Erfolgsstück zu werden.
    Dagmar Klein, tanznetz, 14.02.2011