Stadttheater Giessen
    Kühle Leere statt brodelnder Hitze

    Kühle Leere statt brodelnder Hitze

    Endstation Sehnsucht“ im Stadttheater in abstrakten, zeitlosen Raum verlegt - Großer Applaus für Darsteller


    Regisseur Wolfram J. Starczewski zertrümmert Sehgewohnheiten. Wer sich seine Inszenierung von „Endstation Sehnsucht“ im Gießener Stadttheater anschauen möchte, sollte die Verfilmung von Elia Kazan mit Marlon Brando und Vivian Leigh aus dem Jahre 1951 und die Milieuschilderungen im erfolgreichen Theaterstück von Tennessee Williams (1914 bis 1983) rasch vergessen: Auf der Gießener Bühne gibt es keinen drehenden Ventilator, keine Schweißperlen auf der Stirn der Darsteller, keine schwüle Atmosphäre der amerikanischen Südstaaten und nicht den leisesten Hauch von schläfriger Hitze, die die Emotionen zum Brodeln bringt.
    Starczewski lässt dagegen in einer abstrakten, zeitlosen, ja kühlen Umgebung spielen, in der einzig und allein die Darsteller und die Sprache des Bühnendichters im Mittelpunkt stehen. Und siehe da, die Rechnung des Regisseurs geht nach einer etwas zähen Anfangsphase auf: Das Drama von den unerfüllten Sehnsüchten und Begierden entwickelt sich in seinen Händen zu einem spannenden, überzeitlichen Psychogramm zerbrechlich-neurotischer Figuren. Und dank der hervorragenden Schauspieler und eines wiederum sehr prägnanten Bühnenbildes von Lukas Noll ist ein intensiver Theaterabend entstanden, der bei der Premiere am Samstag mit überaus freundlichem, lang anhaltendem Applaus gefeiert wurde.
    Noch ein Wort zur Sprachbehandlung: Würde durchgehend deutlicher und etwas lauter gesprochen, hätte die zweieinhalbstündige Aufführung eine noch stärkere Wirkung.
    Die in Schwarz und Weiß gehaltene Guckkastenbühne ist im Hintergrund durch einen silbergrauen Vorhang begrenzt. Dieser Vorhang dient zu Beginn als Projektionsfläche für Bilder aus unbeschwerten Kindertagen der Mädchen auf dem großbürgerlichen Familiensitz Belle Rêve. In dem leeren, bewusst künstlich wirkenden Bühnenraum gibt es nicht einmal Stühle, so dass die Darsteller entweder einander gegenüberstehen, an die Wände gelehnt sind oder auf dem Boden liegen. Wenn sich die Pokerrunde trifft, können die vier Männer folglich nicht im dichten Zigarettenqualm unter dem Schein einer Lampe am Spieltisch sitzen, sondern führen in ihren dunklen Anzügen einen streng choreographierten Tanz nach bestimmten Regeln auf, der den Verlauf des Kartenspiels symbolisiert.
    Später öffnet sich der silbrige Vorhang und lässt in eine schwarz ausgeschlagene Bar blicken, in der ein Junge (Robert Schmidt) und sein väterlicher Freund (Christian Fries) am Klavier vierhändig einen sehnsuchtsvollen Brahmswalzer spielen. Hier holen die dunklen Schatten der Vergangenheit die Südstaaten-Aristokratin Blanche DuBois ein, die nicht nur das herrschaftliche Anwesen ihrer Eltern, sondern wegen einer Liebesaffäre mit einem 15-jährigen Schüler auch ihre Stelle als Lehrerin verloren hat und deshalb Zuflucht in der winzigen, kleinbürgerlichen Wohnung ihrer Schwester Stella und deren Mann Stanley Kowalski sucht.
    Mit blonder Perücke, Sonnenbrille, Pelzmantel und weiteren Mänteln und Kleidungsstücken überm Arm steht Blanche plötzlich verloren inmitten der weißen Leere. Carolin Weber spielt die alkoholsüchtige Neurotikerin, die zunächst fahrig, überreizt und unsicher auf die neue Umgebung reagiert, dann aber sogleich beginnt, mit jedermann ihre Psychospielchen zu machen. So wie sie in immer neuen Kostümierungen auftritt, fächert auch Carolin Weber gekonnt stets neue Facetten dieser verstörten Seele auf - eine bannende Darstellung voller Intensität.
    Irina Ries verkörpert als ihre Schwester Stella eine mädchenhaft wirkende junge Frau mit Zöpfen, die ihrem Mann sexuell ergeben ist, gleichzeitig aber sehr genau weiß, was sie will und was nicht. Nein, dumm und übertölpelt wirkt sie keinesfalls. Um den urwüchsigen, zugleich anziehenden und abstoßenden Stanley Kowalski muss ein großes Kraftfeld sein.
    Doch Frerk Brockmeyer kehrt nicht so sehr den proletarischen Sex- und Kraftprotz hervor, sondern lässt Schärfe, Aggressivität und Kampfbereitschaft in den Zwischentönen anklingen. Wenn er bei der ersten Begegnung mit seiner Schwägerin Blanche spricht, vergräbt er die Hände tief in den Hosentaschen und fixiert sie kalt wie bei einem polizeilichen Verhör.
    Den verklemmten Spießer Mitch, der sich Hoffnungen macht, Blanche zu heiraten, spielt Milan Pesl als weltfremden, etwas einfältigen Träumer. In weiteren Rollen wirken Anne Berg (Eunice), Dominik Breuer (Steve), Corbinian Deller (Pablo) und Petra Soltau (Krankenschwester, Mexikanerin) mit. Thomas Schmitz-Albohn, 07.03.2011, Gießener Anzeiger