Stadttheater Giessen
    Vorhang auf für Blanche

    Vorhang auf für Blanche

    Premiere von Tennessee Williams »Endstation Sehnsucht« im Stadttheater


    Es gibt Filme, die prägen das Bild, das man sich von der Story und ihren Protagonisten macht, unauslöschlich. Elia Kazans Verfilmung von Tennessee Williams Theaterstück »Endstation Sehnsucht« ist ein solcher Fall.
    Vivien Leigh als flirrend-zerbrechliche Blanche DuBois und Marlon Brandos als prollig-gnadenloser Stanley Kowalski haben sich in das Gedächtnis des Publikums gebrannt. Wann immer Williams mit dem Pulitzerpreis gekröntes Werk von 1947 auf die Bühne gebracht wird, dann schwebt dieser Film wie ein Damoklesschwert über der jeweiligen Inszenierung. Am Stadttheater versucht Regisseur Wolfram J. Starczewski darum bewusst, das Stück von einem möglichst andersartigen Blickwinkel aus zu interpretieren; fernab von naturalistischer Darstellung und amerikanischen Südstaatenklischees. Seine Inszenierung, die am Samstag Premiere feierte und damit pünktlich zu Williams’ 100. Geburtstag seit Langem mal wieder einen amerikanischen Dramatiker auf die große Gießener Bühne holt, setzt ganz auf einen zeitlosen, allgemeingültigeren Weg. Das abstrakte, schwarz-weiße Bühnenbild Lukas Nolls bietet dabei die Chance, sich ganz auf die psychologische Entwicklung der Figuren zu fokussieren. Die Rolle der Blanche ist für eine Schauspielerin Segen und Fluch in einem. Carolin Weber nimmt diese Herausforderung an – eine Herausforderung, die umso größer ist, da sie völlig gegen den Typ besetzt ist. Weber wirkt tough und geerdet, hat nichts von der Zerbrechlichkeit einer auf den Wahnsinn zusteuernden Hochsensiblen. In »Endstation Sehnsucht« muss sie nun eine Frau spielen, die als fragile Versagerpersönlichkeit keine Chance hat, in der Wirklichkeit zu bestehen. Es dauert eine Weile, bis dieser schwierige Spagat gelingt. Doch am Ende überzeugt Weber das Publikum, indem sie die anfänglich starke Überzeichnung ihrer Figur zugunsten einer feineren, vielschichtigeren Darstellung ablegt. Wenn Webers Blanche zu Beginn des Stückes die Bühne betritt, dann ist sie noch die Karikatur einer nymphomanen Alkoholikerin, die mit prächtigen Kleidern und gekünstelter Pose das Elend ihrer Existenz zu übertünchen sucht. Ein bisschen erinnert sie mit ihrem roten Kleid und der wallenden Blondinen-Perücke an die verstorbene Sexbombe Anna Nicole Smith. Das permanente Plappern Blanches, die nach ihrem skandalösen Rausschmiss als Lehrerin und dem Verlust des Gutes Belle Rêve bei ihrer Schwester Stella und deren »Polacken«-Ehemann Stanley Unterschlupf sucht, wirkt aufgesetzt, die körperliche Unruhe übertrieben. Doch dann findet Weber
    immer mehr in die Figur hinein. Mit jedem Kleiderwechsel – in jeder der elf Szenen erscheint Blanche in neuer Kostümierung – entblättert sie die Figur ein Stückchen mehr und drückt Blanche ihren eigenen Stempel auf, bis der Arzt kommt und die gebrochene Frau in schwarzer Abendrobe in die Psychiatrie führt.
    Deutlich leichter hat es da Frerk Brockmeyer. Als Blanches Gegenspieler Stanley ist er die Idealbesetzung. Den prolligen Schwager, der animalische Kraft ausstrahlt und mit offensichtlicher Genugtuung Blanches Lügengeflecht auseinanderreißt, nimmt man ihm von der ersten Sekunde an ab. Man bekommt Mitleid mit Blanche angesichts der Brutalität und Rücksichtslosigkeit, mit der dieser Stanley agiert. Da hätte es auch durchaus ins Bild gepasst, die Vergewaltigungsszene, in der Stanley Blanche den seelischen Todesstoß verpasst, drastisch darzustellen. Doch auf diese naheliegende Lösung verzichtet Regisseur Starczewski. Er deutet die Vergewaltigung nur ganz kurz an und erspart Schauspielern und Publikum gleichermaßen diesen emotionalen Kraftakt.Regie und Bühnenbild reduzieren Tennessee Williams kongeniale Vorlage in der optischen Umsetzung auf das Wesentliche.
    Bis zur Pause blickt das Publikum quasi in einen überdimensionalen weißen Schuhkarton, der mit einer kleinen Mietwohnung in New Orleans nichts gemein hat. Die Wände sind weiß tapeziert, ein riesiger weißer Fadenvorhang im Hintergrund gibt erst kurz vor der Pause den Blick auf den schwarzen Bühnenhintergrund frei. Dort bieten schwarz verhangene Podeste nicht nur Blanche Gelegenheit, auch im wörtlichen Sinne in ihre dunkle Vergangenheit einzutauchen (Schade, dass bei der Premiere ein Nieser im Publikum diese Szene lächerlich machte). Christian Fries und der junge Robert Schmidt spielen im Bühnendunkel Brahms-Walzer am Klavier und visualisieren unaufdringlich jene traumatische Homosexuellen-Szene, die Blanches Absturz offenbar eingeleitet hat. Auch wenn die Idee mit dem Vorhang, der spät den Blick auf Blanches Vorgeschichte freigibt und dann nach der Pause auch offen bleibt, ein wenig zu naheliegend ist, geht das Konzept der größtmöglichen optischen Reduzierung auf. Es braucht keine großen Requisiten, die Geschichte, die sich zwischen den Menschen und in ihrem Inneren abspielt, ihre Sehnsucht nach Liebe, ihr Leiden in Einsamkeit und ihre teilweise Flucht in eine Traumwelt, glaubhaft zu machen. Und gleichzeitig wird die Gefahr, mit der übermächtigen filmischen Vorlage zu konkurrieren, weitestmöglich umschifft. Auch die Idee, Stanleys Pokerrunde als eine Art Tanzchoreografie zwischen Blues Brothers und Maori- Kampfgeheule umzusetzen, ist durchaus gelungen und sorgt für eine heitere Note. Die sparsam dosierten Musikeinspielungen, die Christian Keul entwickelt hat, sind klug gesetzt und schaffen Atmosphäre. Irina Ries hat es als jugendlich wirkende Stella, in deren Ehe mit Stanley Sex der Kitt ist, nicht leicht, im alles dominierenden Machtkampf zwischen Blanche und Stanley zu punkten, auch wenn es letztendlich Stellas Seele ist, um die die beiden ringen. Sie bleibt eher passiv denn aktiv und eine Nebenfigur. Auch der unsichere Pokerfreund Mitch, den Milan Pešl spielt, ist eine Nebenrolle. Wenn aber Blanche ihrem neuen Verehrer ein Stückchen ihrer Lebensgeschichte offenbart, dann gelingt Weber und Pešl ein ganz großer Moment im Stück zwischen Komik und Tragik. Dominik Breuer und Anne Berg setzen als Nachbarn Steve und Eunice kleine, erfrischende Akzente, Christian Fries gibt nicht nur den schwulen Verführer, sondern auch den einfühlsamen Arzt, Petra Soltau hat als Rosen verteilende Mexikanerin und Krankenschwester zwei kurze Auftritte. Auch Corbinian Deller ist als einer von Stanleys Freunden zu sehen.
    Am Ende der zweieinhalbstündigen Premiere gab es vom Publikum herzlichen, wenn auch nicht euphorischen Applaus für die Inszenierung, die Williams »Endstation Sehnsucht« eine ungewohntere Seite abgerungen hatte. Der Beifall und einzelne Bravos galten vor allem Carolin Weber, die mit ihrer Interpretation der Blanche ein echtes Stück Kerrnerarbeit recht überzeugend hinter sich gebracht hatte. Karola Schepp, Gießener Allgemeine Zeitung, 07.03.2011