Stadttheater Giessen
    Hat die Liebe noch Platz?

    Hat die Liebe noch Platz?
    Tennessee Williams "Endstation Sehnsucht" in Gießen


    Hat die wahre Liebe noch Platz in der Welt? Nun, folgt man dem amerikanischen Dramatiker Tennessee Williams, der in diesem Jahr sein 100. Lebensjahr vollendet hätte, und seinem Stück "Endstation Sehnsucht", dann sind zumindest starke Zweifel angebracht. Am Samstag feierte das Schauspiel, das 1951 unter anderem mit Vivien Leigh und Marlon Brando verfilmt wurde, am Stadttheater Premiere.

    Am Ende gabs kräftigen Applaus für die erstklassige Inszenierung von Wolfram J. Starczewski, die die große Tragödie der zerbrochenen Liebe mit feinem Gefühl für psychische Untiefen auf die Bühne gebracht hat. Das gelang so gut, dass es den Zuschauer bisweilen fröstelte, und das ist bei einem anspruchsvollen Psychodrama wie "Endstation Sehnsucht" eine gewaltige Leistung.

    Denn Williams interessiert vor allem das Innenleben seiner Protagonisten, wenn er fragt: Was passiert, wenn die große Liebe zerbricht?

    Des Dramatikers Antwort ist schonungslos: Er nutzt seine Hauptfigur Blanche DuBois, um zu zeigen, dass Menschen, die grundsätzlich liebesbedürftig sind, am Verlust der Liebe zugrunde gehen. Doch Blanche zerbricht nicht in erster Linie daran, dass sie den geliebten Menschen verloren hat. Ihr Dilemma liegt darin, dass sie die Tragödie mit sexualisiertem Verhalten und gespieltem Anstand verdrängt, damit die Liebe unterdrückt wird, und so dem Wahnsinn verfällt.

    Carolin Weber als Blanche spielt ihre Kollegen an die Wand

    Sie wird zum traurigen Symbol des Verschwindens der Liebe aus der Welt, die Williams auch im gesamten Stück durch Hilflosigkeit, Machtspielchen und ein Geflecht von Abhängigkeiten ersetzt. Es weht ein bitterkalter Hauch von der Bühne, da sich der Liebesverlust in "Endstation Sehnsucht" als subtiler Psychokrieg zeigt.

    Man muss sein Fach als Charakterdarsteller beherrschen, um in diesem Stück zu glänzen. In dieser Inszenierung, die auch dank Lukas Nolls abstrakter Kulisse zur zeitlosen Gesellschaftskritik wird, glänzten alle. Allen voran Carolin Weber, die die verletzte Seele der Hauptfigur meisterlich auf die Bühne brachte und als flatterhafte, gebrochene Blanche ihre Kollegen an die Wand spielte.

    Bei ihrer Schwester Stella, von Irina Ries glänzend als unsicheres und hin und her gerissenes "Frauchen" gespielt, angekommen, erkennt sie im biederen Mitch, den Milan Pešl gekonnt als unterwürfiges Muttersöhnchen charakterisierte, ihre letzte Chance zu einem anständigen Leben. Blanche kann jedoch nicht verhindern, dass das ans Licht kommt: Um den Verlust der großen Liebe, die sich vor Jahren umgebracht hat, zu verdrängen und ihren Liebeskummer zu unterdrücken, hat sie ein überreiches Sexualleben entwickelt und pikanter Weise auch einen minderjährigen Schüler verführt.

    Mitch erfährt davon und - selbstlose Liebe gibt es in diesem Stück nicht - gibt Blanche einen Korb, weil sie seiner Mutter nicht gut genug ist.

    Stellas Mann und Blanches Gegner Stanley, den Frerk Brockmeyer als dominantes, eiskaltes und gefühlloses Ekelpaket gibt, hat gewonnen, als er Blanche in eine Irrenanstalt einweist, nachdem er sie in der grausamsten Zuspitzung des Stücks zum (angedeuteten) Oralverkehr gezwungen hat.

    Und am Ende ist klar: Die Liebe - verstanden als aufrichtiges Einlassen auf das Gegenüber - ist aus der Welt zugunsten von Egoismus, Macht, Gewalt und übersteigerter Sexualität verdrängt worden. Das ist bitterste Gesellschaftskritik, die - das Stück wurde 1947 in New York uraufgeführt - nichts an Aktualität eingebüßt hat und vom Team des Stadttheaters absolut brillant und mit psychologisch präzise auf die Bühne gebracht wurde. Stephan Scholz, 07.03.2011, Wetzlarer Neue Zeitung