Stadttheater Giessen
    Mozarts »Figaro« im Stadttheater Gießen bejubelt

    Mozarts »Figaro« im Stadttheater Gießen bejubelt

    Sie ist blutjung, bildschön und frisch vom Baum: »Die Hochzeit des Figaro« von Wolfgang Amadeus Mozart feiert im Stadttheater bejubelte Premiere. Es ist eine Traumpartie für Odilia Vandercruysse als Susanna.


    Mit »Figaros Hochzeit« kann nur der etwas falsch machen, der die burlesken Intrigen auf ein modernes oder allzu politisches Gleis heben will. Das hat Regisseur Thomas Goritzki vermieden. Er legt den Fokus aufs Komödiantische und erteilt der Politik eine Abfuhr. Folglich stehen bei ihm die Figuren im Zentrum. Ergebnis: Die von Goritzki inszenierte Mozart-Oper in italienischer Sprache (mit deutschen Übertiteln; Libretto: Lorenzo da Ponte) nach dem Beaumarchais-Stück »Der tolle Tag« feierte am Samstagabend im bis unters Dach dicht besetzten Großen Haus bejubelte Premiere. Für Schauspielregisseur Goritzki war die Premiere eine doppelte: Es ist seine erste Operninszenierung. Nun darf sich der alte Theaterfuchs entspannt mit der Gewissheit des Erfolgs im Arm zurücklehnen.

    Gut, wenn einer etwas von Personenführung versteht und die Handlung mitsamt den Aktionen der Akteure vorantreibt. Goritzki macht aus der altgedienten Opera buffa eine zwar eindimensional alberne, aber kurzweilige Komödie. Während die Solisten in anderen Inszenierungen bei ihren Arien festgemauert in der Erden stehen, sorgt Goritzki für Bewegung, die bei ihm stets der Unterhaltung dient - gern auch mit Pointe, wenn sich der hektische Graf aus Versehen fast auf Cherubino setzt. Stillstand gibt es bei Goritzki nicht. Auch deshalb vergehen die drei Stunden wie im Flug.

    Ganz so stimmig fängt es allerdings nicht an. Ein Schreck, als sich der Vorhang nach der Ouvertüre zum ersten Akt hebt: Als Hintergrund Stoffvorhänge, die in Farbe und Brokatmuster das langweiligste Bühnenbild der Saison imitieren: das der »Fledermaus« in Frankfurt. Doch mithilfe einiger Utensilien und des exzellenten Lichts von Manfred Wende ändert sich das schnell. Zu den drei (später zwei) kreisrunden Holzpodesten als Spielwiese gesellen sich hellblaue Vorhänge, frei im Raum stehende Türen und Fenster sowie die stilvolle Garderobe der Akteure (Bühnenbild und Kostüme: Heiko Mönnich). Schon lockt die Lust zum nicht enden wollenden Ringelpiez für Erwachsene. Dass sich Figaro allzu oft in den Schritt fasst, ist seiner sexuellen Begierde geschuldet, die in Kopulationsbewegungen ihren Höhepunkt findet, aber als jugendfrei durchgeht.

    Die Sänger des Hauses bieten ansonsten großes Kino. Von Theatermacher Goritzi motiviert, wird famos gesungen und veritabel gespielt. Auch wenn Stephan Bootz seinen Figaro bisweilen etwas zu grimmig dreinblicken lässt, darf der Bass gesanglich sein hervorragendes Volumen ausspielen - dieser Figaro verlangt den ganzen Bootzmann.

    Tomi Wendt zieht als kahlköpfiger Doktor Bartolo dank komödiantischem Talent die Blicke auf sich; das wird ihm in der Rolle des Figaro, den er mit Bootz alternierend gibt, zupasskommen, denn stimmlich kann er Bootz, der dann den Bartolo übernimmt, nicht überbieten, mimisch schon.


    Einen soliden Grafen verkörpert der gut aufgelegte Matthias Ludwig, der auf Virilität im Schlafrock setzt, immerhin darf er seine nackte Brust samt Bauch zeigen. Catalin Mustata (Don Curzio), Raphael Wittmer (Don Basilio) und Vito Tamburro (Antonio) überzeugen mit Spielwitz.

    Die Damen sind zu züchtig bekleidet für die allgegenwärtigen Liebeleien, präsentieren sich aber in Bestform. Gleich zwei Neuentdeckungen gilt es zu feiern: Maria Chulkova als Gräfin Almaviva und Sora Korkmaz als Cherubino.

    Die junge russische Sopranistin Chulkova zählt seit Februar zum Ensemble und agiert bei ihrem Gießen-Debüt mit immenser Intensität. Ihr dramatischer Sopran verfügt über Klangschönheit und Strahlkraft, auch wenn sie es mit dem Tremolo übertreibt. Sopranistin Korkmaz gehört dem Opernchor an und singt in der Hosenrolle ihre erste Solopartie. Den Cherubino gibt sie mit sichtlichem Spaß und gehaltvollem Timbre - am Ende erhielten sie und Odilia Vandercruysse den kräftigsten Applaus.

    Vandercruysse schlüpft als Susanna in eine Rolle, die ihr auf den zarten Leib geschneidert ist. Nach der mühsamen Endzeit-Tomyris darf die Sopranistin jetzt wieder offenbaren, was sie kann - als schöne Maid, die auch kleines Luder sein will, die bezirzt wird und selber gern bezirzt und dabei immer eines bleibt: unbeschreiblich weiblich. Stimmlich ist Vandercruysse eine Kategorie für sich. Ihr zarter lyrischer Sopran macht im vierten Akt das Atmen schwer im Saal, so viel Gefühl ist selten unterwegs im Großen Haus - die Susanna ist für Vandercruysse eine Traumpartie.

    Carla Maffioletti würzt die Nebenrolle der Barbarina mit frech-witzigem Charme, in ihrer Solo-Arie lässt sie aufhorchen. Das Philharmonische Orchester Gießen unter dem scheidenden Generalmusikdirektor Carlos Spierer - es ist seine letzte szenische Oper am Stadttheater - zeigt im Graben, was es kann: Wiener Klassik in Perfektion. So rein und wohltönend spielen die Musiker nicht alle Tage - in den beinahe durchkomponierten Finali des zweiten und vierten Aktes wird das besonders deutlich. Der Chor des Stadttheaters (Einstudierung: Jan Hoffmann) singt wie immer sauber und energiegeladen. Am Cembalo setzt Solorepetitor Evgeni Ganev die Akzente, wenn er die kurze Umbaupause zum vierten Akt mit einem pfeilschnellen Rondo »Alla Turca« aus Mozarts A-Dur-Klaviersonate überbrückt.

    Zwischen dem ersten und zweiten Akt sorgen Wendt und Anne Catherine Wagner als agile Marcellina vor dem Vorhang für ein humorvolles Zwischenspiel auf Deutsch: Marcellina zieht vom Leder und beschimpft Bartolo: »Quatsch keine Opern!« Sie skizziert Susanna als »blutjung, bildschön und frisch vom Baum«. Das steht zwar nicht im Original-Textbuch, bleibt aber neben einer Dose Bier, die sich Figaro genehmigt, das einzige moderne Einsprengsel.
    Wer sich die gleichwohl schon um die Hälfte gekürzten Rezitative wegdenkt, sitzt in Gießen in der schönsten Oper dieser Spielzeit - schon wieder ist es nach der »Zauberflöte« eine von Mozart. Begeisterter Beifall und Jubelrufe vom Publikum. Ob Patienten mit akutem Husten einer Opernaufführung beiwohnen sollten, steht in einer anderen Partitur.
     Manfred Merz, 28.März 2011, Gießener Allgemeine Zeitung