Stadttheater Giessen
    Beifallsstürme für „Figaro“

    Beifallsstürme für „Figaro“: Mozarts Meisterwerk am Gießener Stadttheater mit viel Charme und Witz umgesetzt


    In der Pause ertönten schon die ersten Bravorufe, und als bei der Premiere am Samstagabend nach über dreistündiger Aufführung der Vorhang gefallen war, brachen wahre Beifallsstürme los. Der Jubel wollte kein Ende nehmen. Erneut hatte das Gießener Musiktheater seinem Publikum einen „tollen Tag“ beschert. Mit Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“ unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Carlos Spierer und in der Inszenierung von Thomas Goritzki setzt das Stadttheater seine an schönen Erfolgen reiche Spielzeit fort.
    Das kapriziös-erotische Verwirrspiel um Liebe, Eifersucht, Rache und Verlangen kommt mit viel Charme und Witz daher. Die vielen, von leichter Hand servierten Szenen entstehen in lebendiger, praller Gegenwart, und im Verlauf des Abends wird immer klarer, wie sehr sich szenische und musikalische Interpretation einander durchdringen, wie sehr die Szenerie von der Musik, die Musik von der Szenerie profitiert. Und natürlich tragen die Darsteller ganz entscheidend zum Erfolg des Opernabends bei. Hier lässt eine überwiegend junge Sänger-Riege mit durchweg guten gesanglichen Leistungen aufhorchen. Zudem agieren die Sängerinnen und Sänger, unter denen sich zwei Debütantinnen befinden, mit Herzblut, großer Spielfreude und dem Elan junger Leute. Man spürt, dass sie selbst alle ihren Spaß an der Komödie haben.
    Die von Heiko Mönnich gestaltete Bühne ist in ihrer formalen Strenge auf das Wesentliche reduziert und gibt nur in Andeutungen den jeweiligen Schauplatz wieder. Gespielt wird auf einer ovalen, leicht geneigten Holzscheibe. Von oben herabhängende Stoffbahnen wie breite Säulen begrenzen nach hinten und zu den Seiten den Raum. Im Zusammenwirken mit dem Licht (Manfred Wende) ergeben sich die schönsten Farbeffekte. Wenn Figaro und Susanna zu Beginn wild herumknutschen, gibt es nur eine einzelne Tür und einen Sessel auf der Holzscheibe. Blickfang im Gemach der Gräfin ist ein hohes, auf Papier gemaltes Fenster, durch das später Cherubino ins Freie springen wird. Für den nächtlichen Pinienhain werden weitere Stoffbahnen zu einem verdichteten Wald heruntergelassen.
    Keine Mätzchen
    Die Ankündigung des Inszenierungsteams, dass auf der Bühne „immer etwas los ist“ und dass die „urkomisch überdrehten Figuren“ hervorgehoben sind, ließ für die Premiere schon das Schlimmste an wildem Aktionismus befürchten. Doch die Befürchtungen erweisen sich rasch als haltlos, denn Thomas Goritzki versteht es geschickt, das munter-bewegte Spiel klug zu dosieren und das turbulente Geschehen nicht überborden zu lassen. Er braucht billige Mätzchen ebenso wenig wie gesellschaftspolitische Anspielungen auf die nahe Französische Revolution, weil schon Lorenzo da Ponte in seinem Libretto dem Stück die sozialkritische Spannung genommen hat. Goritzki betont dagegen die subtilen Verflechtungen der Personen und legt großen Wert auf viele kleine Details. So sagt bei ihm ein stummer Blickwechsel zwischen Susanna und dem Grafen mehr als alle Worte, denn Susanna merkt in dieser Szene plötzlich, dass sie verführbar ist, und der Graf wiederum ist sich in seiner Rolle als Schwerenöter gar nicht mehr so sicher.
    Inspirierendes Dirigat
    Über allem steht dabei Mozarts unübertroffene Charakterzeichnung. Es gibt keine Stimmung, für die seine Musik nicht genau den richtigen Ton träfe. Das Philharmonische Orchester Gießen erfreut unter der inspirierenden Leitung von Carlos Spierer mit temperamentvoll aufblühendem, nuanciertem Spiel. Da fällt nichts unter den Tisch. Die Stimmungen sind ausgehört, das plötzliche Innehalten pointiert. So entfaltet sich Mozarts Melodienreichtum mit großer Empfindung. Spierer geht sehr gut auf die Sänger ein, so dass sie sich frei entfalten können und nicht fürchten müssen, vom Orchesterapparat erdrückt zu werden. Luftig-leichte Klänge streut Evgenij Ganev in den Rezitativen und in den Umbaupausen (zum Beispiel „Alla turca“) am Cembalo ein.
    Eine der Entdeckungen des Abends ist die junge russische Sopranistin Maria Chulkova, die neu im Gießener Ensemble ist und hier ihren Einstand als Gräfin gibt. Äußerlich eine bildhübsche Erscheinung singt sie die beiden Glanzarien „Porgi amor“ (Hör mein Flehen) und „Dove sono i bei momenti“ (Wo sind die schönsten Augenblicke) mit starker Empfindung. Gelegentlich sind bei ihr kleine Schärfen herauszuhören, doch ihre Stimme und Persönlichkeit werden in Gießen gewiss noch reifen. Als kecke, gewitzte Susanna ist Odilia Vandercruysse in ihrem Element. Sie besticht wiederum durch Anmut, ausdrucksvollen Gesang und ihre bewegliche, leicht emporschwingende Sopranstimme.
    Eine weitere Entdeckung ist Sora Korkmaz als Cherubino. Sie hat bisher im Opernchor gesungen und macht vom ersten Augenblick ihres Auftretens deutlich, warum sie diese Rolle bekommen hat: Mit Kurzhaarschnitt und tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen verleiht sie der pubertären Verliebtheit Cherubinos eine freche, burschikose Note. Sora Korkmaz hat einen schönen Ton und trägt die berühmte Canzonetta „Voi che sapete“ (Sagt, holde Frauen) mit angemessener Innigkeit vor, wenngleich die erotische Komponente dabei etwas zu kurz kommt.
    Im Morgenmantel spielt Matthias Ludwig einen Grafen, der sich seiner Rolle immer unsicherer wird, aber dem Augenblick stets gewachsen ist. Mit seinem weichen, zu nuanciertem Ausdruck fähigen Bariton ist er stimmlich jederzeit souveräner Herr der Lage. Der von Stephan Bootz dargestellte Figaro ist noch ein großer Kindskopf mit Freude an derben Späßen, wie sich bei Cherubinos Verhöhnung mit „Non piu andrai“ (Nun vergiss leises Flehn) zeigt. Als Bassist macht er in der für einen Bariton geschriebenen Paraderolle eine gute Figur und bietet im Schlussduett mit Susanna sehr glaubwürdig einen Moment tiefer Innigkeit.
    Den positiven Gesamteindruck der Inszenierung runden Tomi Wendt als Bartolo, Anne Catherine Wagner als Marcellina, Raphael Wittmer als Basilio, Carla Maffiletti als Barbarina, Vito Tamburro als Antonio, Heike Heber und Neivi Martinez als Bauernmädchen sowie der von Jan Hoffmann bestens präparierte Theaterchor ab. In den weiteren Vorstellungen werden sich Stephan Bootz und Tomi Wendt als Figaro und Bartolo abwechseln.
    Thomas Schmitz-Albohn, 28.03.2011, Gießener Anzeiger