Stadttheater Giessen
    Korkmaz erobert Herzen

    Korkmaz erobert Herzen

     Gießener Publikum bejubelt Hochzeit des Figaro in Gießen.


    Zehn Minuten Bravorufe, rhythmisches Klatschen, lobende Pfiffe am Ende einer dreieinhalbstündigen Opernpremiere, es fehlte nur noch der Ruf nach einer Zugabe. Carlos Spierer (musikalische Leitung), Thomas Goritzki (Regie) und das elektrisiert spielende Ensemble schufen mit der "Hochzeit des Figaro" einen kulturellen Höhepunkt im Gießener Stadttheater.

    Duftig und beschwingt setzt Carlos Spierer die Ouvertüre an, prickelnd und sauber wie auch die dezente Begleitung der Stimmen, die Korrespondenz von Bläsern mit Liedpassagen. Seine letzte musikalische Interpretation lässt spüren, was mit dem Weggang des Dirigenten aus dem Haus am Berliner Platz an Qualität verloren gehen wird.

    Das Bühnenbild (Heiko Mönnich) auf einer runden angeschrägten Scheibe mit sparsamen Versatzstücken wie Türrahmen und Sessel gibt viel Spielraum für die Akteure, die zuweilen in etwas zu starken Aktionismus verfallen müssen.

    Das Bühnenrund ist flankiert von acht Stoffbahnen, die in unterschiedlicher Beleuchtung (Manfred Wende) Stimmungen transportieren können. Bis auf das Madonnen-Blau der Gräfin und den roten Schlafrock des Grafen nimmt Mönnich helle Farben für die Hauptdarsteller.

    In Thomas Goritzkis erster Opernregie ist viel Leben: Stühle werden umgestürzt, Akteure hüpfen über Bänke, das verliebte Paar Susanna und Figaro fällt beim Geplänkel vom Sessel, im Eifer des Gefechtes spuckt der Graf die Gräfin an, Figaro demonstriert an Cherubino die drohende sexuelle Belästigung beim Militär.

    Figaro bedient sich im Gegensatz zum Schampus trinkenden Adel des Getränkes aus dem Herzen der Natur. Standesunterschiede sind fast weg gewischt. Das mindert jedoch nicht die Qualität der Aufführung. Die Lobeshymnen über die Premiere von 1786 im amüsant geschriebenen Programm (Christian Steinbock) können direkt auf die Gießener Premiere übertragen werden: "viva, viva, grande Mozart".

    Goritzkis erste Opernpremiere gibt den Blick frei auf das pralle Leben

    Maria Chulkova als Gräfin pflegt mit wunderbar blühender Lyrik ihre Melancholie. Der Berufsverführer im Schlafrock, Graf Almaviva, ist bei Matthias Ludwig in bester Stimmlage präsent. Stephan Bootz (Figaro, alternierend Tomi Wendt) singt und spielt mit großer Lebendigkeit, Anne Catherine Wagner als Marcellina sorgt durch starke Komik für Lacher und gibt vor dem Vorhang den neuesten Klatsch zum Besten. Odilia Vandercruysses leichter und schwebender Sopran ist schon lange eine Kostbarkeit auf der Gießener Bühne. Als vitale und listige Kammerzofe Susanna ist sie Dreh- und Angelpunkt, resolut und verletzlich, verführerisch im gehauchten Piano.

    Alle Herzen fliegen ihm (ihr?) zu: Sora Korkmaz als Cherubino. Aus der Anonymität des Chores hervorgestiegen zu ihrer ersten großen Partie. Sie zeigt Cherubino in der Blüte seiner Pubertät, macht die seelischen Verwirrungen mit Stimme und Körpersprache nachvollziehbar.

    Das ausverkaufte Haus erlebte einen tollen Abend. Peter Merck, 28.03.2011, Wetzlarer Neue Zeitung