Stadttheater Giessen
    Mozart-Oper mit viel Witz inszeniert

    Mozart-Oper mit viel Witz inszeniert

    Junges Ensemble feierte am Stadttheater Gießen Premiere mit dem Bühnenklassiker „Die Nacht des Figaro“
    Lange nicht so viel gelacht in der Oper. Und das, obwohl „Figaros Hochzeit“ am Stadttheater Gießen im italienischen Original des genialen Textdichters Lorenzo da Ponte gesungen wird.

    Schauspielregisseur Thomas Goritzki setzt bei seinem Operndebüt ganz stark auf Situationskomik. Und schlägt dabei nur selten über die Stränge – etwa beim derben Drill, mit dem Figaro den Pagen Cherubino aufs Militär vorbereitet, der doch allzu sehr von noch heute unter Rekruten üblichen fragwürdigen Aufnahmeritualen in-spiriert ist. Dennoch hat Goritzki nicht aktualisiert. Die mit erlesenem Geschmack entworfenen Kostüme von Heiko Mönnich verorten „Figaros Hochzeit“ ganz klar im 18. Jahrhundert. Und wenn Figaro als Mann aus dem Volke lieber Dosenbier als Sekt trinkt, dann erscheint dies ge-nauso als gezielt eingesetzte ironische Brechung wie die moderne Aktentasche, aus der Doktor Bartolo seine Papiere in den Orchestergraben regnen lässt – was dort für einen Moment zu so noch nie gehörten, natürlich absichtlich musizierten Dissonanzen nach Art des Mozartschen „Dorfmusikantensextetts“ führt.Gemeinsam mit seiner ehemaligen Haushälterin Marcellina erzählt Bartolo zwischen erstem und zweitem Akt vor dem Vorhang die Vorgeschichte, die Rossini drei Jahrzehnte nach Mozart in seinem „Barbier von Sevilla“ vertont hat. Es gibt also in Goritzkis „Figaro“-Inszenierung keinen Stillstand. Ständig ist etwas los auf der kreisrunden Holzspielfläche, die Mönnich nur mit den allernötigsten Requisiten ausgestattet hat. Damit trifft der Regisseur exakt den ruhelos vorwärtsdrängenden Puls, den Mozart und sein genialer Textdichter da Ponte ihrer Meisterkomödie verordnet haben. Ihm folgt auch Generalmusikdirektor Carlos Spierer mit dem hinreißend quirlig musizierenden Philharmonischen Orchester Gießen. Aber es darf und muss auch mal Atem geholt werden – in den Arien und im Duett der beiden weiblichen Hauptpersonen. Da breiten Spierer und seine Mu-siker der kühl timbrierten, aber gesanglich mit allen Wassern gewaschenen Gräfin von Maria Chulkova und der mit leuchtender Sopransinnlichkeit betörenden Susanna von Odilia Vandercruysse einen fein gewebten Klangteppich aus. Und Goritzki nimmt das Tempo raus aus dem sich immer wieder gerade-zu überschlagenden zwerchfellerschütternd komischen Spiel, für das ihm ein durchweg junges Ensemble zur Verfügung steht. Nur das kann glaubhaft darstellen, dass es in „Le nozze di Figaro“ vor allem um eines geht: die schönste Nebensache der Welt, die bekanntlich nicht der Fußball ist. Und nur einem jungen Sänger wie Matthias Ludwig nimmt man es ab, dass Graf Almaviva bis zur erst vor kurzem geschlossenen Ehe mit Rosina ein Don Juan war. Der Titelheld aus da Pontes und Mozarts zweiter Meisteroper kommt einem in den Sinn bei Almavivas Rachearie, in der er die gleichen Qualen durchzumachen scheint wie Don Giovanni bei seiner finalen Höllenfahrt. Ludwig verdeutlicht mit seinem geschmeidig-weichen Bariton auch stimmlich, warum ihm alle Frauenherzen zufliegen – einmal sogar fast das Susannas, die aber doch ihrem Figaro treu bleibt. Stephan Bootz verkörpert ihn eindrucksvoll mit kraftvollem, nur in der Höhe unter Druck geratendem Bass. Publikumsliebling aber ist der zukünftige Don Giovanni oder Graf Almaviva in Gestalt des pubertierenden Pagen Cherubino – zu Recht, denn die Chorsängerin Sora Korkmaz ist bei ih-rem Gießener Solodebüt mit ihrer knabenhaften Figur und ihrem schlanken Mezzosopran eine Idealbesetzung. Michael Arndt, Oberhessische Presse, 31. März 2011