Stadttheater Giessen
    Premiere von »Hauptsache Arbeit!« im Stadttheater

    Premiere von »Hauptsache Arbeit!« im Stadttheater


    »Wenn der Job das Leben frisst« titelt die aktuelle Ausgabe des »Stern« - und diese Thematik steht auch im Mittelpunkt von Sibylle Bergs Theaterstück »Hauptsache Arbeit!«, das nun im Stadttheater Premiere hatte.

    Regisseur Hermann Schein hat das Stück, das mit seinem schonungslosen Blick in die Welt der Angestellten und dem Berg-typischen Zynismus wahrlich keine leichte Kost ist, stimmig inszeniert, Stefan Heyne hat ein beeindruckendes Bühnenbild entworfen und Stefan Schreck das Ganze mit viel Musik gewürzt - und dennoch blieb der Applaus des Premierenpublikums am Ende eher verhalten. Vielleicht war einfach der Anteil derjenigen im Publikum, die sich als Angestellte tagtäglich vor einem Chef beweisen müssen und das von Berg Beschriebene in weniger übertriebener Form aus eigenem Erleben kennen, einfach zu gering?

    Sibylle Berg, die für ihren Hang zum Fiesen und ihr schonungsloses Sezieren menschlicher Abgründe bekannt ist, hat das Stück im vergangenen Jahr als Auftragsarbeit für das Staatsschauspiel in Stuttgart geschrieben. Erzählt wird, in einer Art Collage einzelner Kurzgeschichten, vom Bootsausflug der Bürogemeinschaft einer Versicherung. Der Chef lädt ein, und keiner wagt es, nicht hinzugehen. Ohne Vorahnung geraten die namenlosen Männer und Frauen in einen lebensbedrohlichen Wettbewerb um ihre Arbeitsplätze - moderiert von einer Schiffsratte, die sich als Motivationstrainer in perfiden Spielchen bestens auskennt (gespielt von Domik Breuer), und gebilligt von einem Chef, der Schwierigkeiten hat, Anzüge zu finden, die seine Genitalien nicht zu sehr betonen und die Frauen im Betrieb mit Plastiktüte über dem Kopf missbraucht. Mit zunehmendem Alkoholpegel sinken die Hemmungen und jeder der Angestellten beginnt mit der angeordneten Selbstbloßstellung. Am Ende bleibt keiner übrig und nur die Ratten haben gesiegt.

    Hermann Schein inszeniert das perverse Spektakel vor der Drehbühne, auf der ein riesiges rotes Hamsterrad liegt, in dessen Innerem getanzt und in dessen Trittfächern sich die Protagonisten scheinbar näher kommen. Große Reflektionsflächen werfen das Licht ins Publikum, dem so auch im eigentlichen Sinne der Spiegel vorgehalten wird. Und über allem prangt der Spruch »Fürchtet Euch nicht«.

    Sibylle Berg hat keine genauen Vorgaben zum Personenkatalog des Stücks gemacht. Schein lässt drei Frauen (Barbara Stollhans, Carolin Weber und Petra Soltau) und drei Männer (Frerk Brockmeyer, Christian Lugerth und Harald Pfeifer) agieren. Ihre Lebensgeschichten voller Einsamkeit, geplatzter Lebensträume, Ängste und Beziehungsunfähigkeit sind austauschbar - und gerade dadurch auch universell. Das da auf der Bühne, das könnte auch ich sein, mag so mancher denken, wenn die Angestellten mit der geringen Zahl ihrer Fehltage konkurrieren oder sich mit Marathon für die Arbeitswelt fit halten wollen. Und auch wenn die Figuren immer wieder zur Erheiterung beitragen, lächerlich sind sie nicht. Sie reden bloß um ihr Leben und kämpfen um den Erhalt ihrer Arbeit, die ihrem Leben einzig Sinn zu geben scheint.

    Auch die Chefs haben es nicht leichter. Das macht Roman Kurtz klar, der den Boss mit »dicker Hose« und herrlicher Schmierigkeit spielt. »Ich ficke das Leben« glaubt er und fühlt sich »fucking overqualified«, um am Ende doch wie die anderen im kollektiven Selbstmord unterzugehen.
    Motivationstrainer Frank Schäfer (Dominik Breuer) steuert das perfide Spiel und seine beiden Ratten (Irina Ries und Corbinian Deller) kommentieren mit nervtötendem Sprechgesang zu bekannten (Schlager-)melodien das Geschehen. Ihre Sätze mit Fakten aus der Arbeitswelt peitschen wie Ohrfeigen. Zeit zum Nachdenken über die genannten Zahlen und Weisheiten rund um Arbeitsklima und psychische Deformationen bleibt kaum.

    Doch genau das will Hermann Schein mit seiner Inszenierung erreichen. Frisst mein Job auch mein Leben auf? Wie weit würde ich gehen, um meinen Arbeitsplatz zu erhalten? Und wie steht es mit meiner ganz persönlichen Work-Life-Balance? Es sind Fragen wie diese, die das heutige Leben bestimmen - und die Sibylle Berg mit ihrem Stück in provozierender, übertreibender und zynischer Weise, aber mit der Erkenntnis des wahren Kerns, auf die Bühne gebracht hat. Da lohnt es sich, die eindreiviertel Stunden ohne Pause durchzustehen. Karola Schepp, 17.04.2011, Gießener Allgemeine Zeitung