Stadttheater Giessen
    Plakativ und wenig originell: „Hauptsache Arbeit!“ von Sibylle Berg im Stadtheater Gießen

    Plakativ und wenig originell: „Hauptsache Arbeit!“ von Sibylle Berg im Stadtheater Gießen

     „Hoffentlich ist dieser Betriebsausflug bald zu Ende.“ Dieser Satz geht einem schon nach einer halben Stunde durch den Kopf. Aber es hilft nichts; man muss weiter ausharren, muss sich noch über eine Stunde auf diesem Betriebsausflug einer Versicherungsfirma langweilen. Ein wenig beneidet man die auf der Bühne, denn die haben wenigstens noch etwas zu trinken!
    Als letzte Schauspielproduktion der Spielzeit wird im Gießener Stadttheater „Hautsache Arbeit!“ von Sibylle Berg gegeben. Gastregisseur Hermann Schein hat versucht, aus der Stückcollage der in Zürich lebenden Autorin einen Theaterabend zu gestalten. Doch bei aller Anstrengung der Regie und des Ensembles ist das Ergebnis so dünn, dass der Aufführung schon nach kurzer Zeit die Luft ausgeht. Zu plakativ, wenig originell und schlicht uninteressant ist die hier geschilderte Geschichte eines Betriebsausflugs, der in einem mörderischen Spektakel endet. Entsprechend matt fiel der Schlussapplaus bei der Premiere am Samstagabend aus.
    Das Bühnenbild von Stefan Heyne zeigt das Außendeck eines Schiffs, auf das der Chef seine Belegschaft eingeladen hat. Das Geschehen spielt sich überwiegend im unteren Teil ab. Dort sieht man knallrote, kabinenähnliche Durchgänge, die den Blick auf die rundum verspiegelte Schiffsbar freigeben. Auf dem Deck darüber agiert der Animateur vor einer grünen Wand mit dem Bibelwort „Fürchtet euch nicht!“, das allen Vorgängen Hohn spricht, denn die Angestellten müssen in Wahrheit um ihren Job, ja sogar um ihr Leben fürchten.
    „Die Firma wird betrogen; ihr seid die Betrüger“, beschimpft die von Dominik Breuer mit sehr viel Energie und Beweglichkeit dargestellte Motivationsratte gleich zu Beginn die verdutzten Mitarbeiter, denen für einen Moment die Münder offen stehen. Die Oberratte, die als Animateur alle Fäden in der Hand hält, kündigt paardynamische Spielchen an und verrät auch, dass einige dabei ihren Arbeitsplatz verlieren werden. Ihr sekundieren die beiden sangesfreudigen Ratten (Anne Berg, Corbinian Deller), die immer wieder kleine Meldungen oder Notizen aus der Wirtschaftswelt als Schlager oder Hip-Hip-Songs einflechten. Fehlt in der Führungsmannschaft noch der von Roman Kurtz als zynischer Fiesling gespielte immergeile Chef, der seine Mitarbeiterinnen nur mit „Frau“ anspricht, ihnen gerne mal Plastiktüten über den Kopf zieht und sich von ihnen mit der Hand befriedigen lässt.
    Sexuelle Belästigung, Mobbing, Hass und Selbsthass, Tierliebe, Alkohol- und Drogenprobleme, Gleichförmigkeit des Arbeitsalltags, Austauschbarkeit des modernen Arbeitsmenschen, spießige Angestellte mit Träumen von Teneriffa und Grillpartys im eigenen Garten - all dies und noch viel mehr wird in „Hauptsache Arbeit!“ angesprochen. Es ist kein Stück im herkömmlichen Sinn, sondern eher eine Stoffsammlung für ein noch zu schreibendes Stück. Die Sätze triefen vor Sarkasmus und Zynismus, die Gesprächsfetzen sind lose aneinandergereiht, und es gibt keine (dramatische) Entwicklung, folglich auch keine Spannung.
    Und die Figuren sind keine Charaktere, deren Schicksal uns irgendwie berühren könnte, sondern Schablonen, die schlaglichtartig hervorgezerrt und wieder weggelegt werden. Da strampeln sich Barbara Stollhans, Carolin Weber, Petra Soltau, Frerk Brockmeyer, Christian Lugerth und Harald Pfeiffer vergeblich ab, um ihren Rollen halbwegs interessante Facetten abzugewinnen. Thomas Schmitz-Albohn, Gießener Anzeiger,18.04.2011