Stadttheater Giessen
    Frenetischer Beifall für farbenprächtiges Spektakel

    Frenetischer Beifall für farbenprächtiges Spektakel

    Das hat das Große Haus schon lange nicht erlebt: minutenlanger, frenetischer Beifall, am Ende sogar einige stehende Ovationen - Mozarts »Zauberflöte« mauserte sich am Samstagabend während der Premiere im Stadttheater vom allseits beliebten Singspiel zum Spielzeit-Hit, obwohl selbige soeben erst begonnen hat.

    Sie zählt zu den am häufigsten inszenierten Opern weltweit: Mozarts »Zauberflöte« führt die Aufführungsstatistiken der letzten Jahrzehnte als Spitzenreiter an - traumhaft. Traum und Traumdeutung stehen auch in Gießen im Zentrum der Interpretation des Inszenierungsteams um Gastregisseur Gerd Heinz.

    Für Prinz Tamino beginnt alles mit einem abenteuerlichen Traum: Mithilfe seines Gefährten Papageno, einer Zauberflöte und einem magischen Glockenspiel soll er im Auftrag der Königin der Nacht deren Tochter Pamina aus den Fängen des Sarastro befreien. Es gilt, wilde Tiere zu bezwingen, dem sadistischen Sklaven Monostatos zu trotzen, dem Blendwerk der Königin der Nacht und ihrer drei Damen zu widerstehen und Prüfungen in Feuer und Wasser zu ertragen. Nur so kann der Weisheitstempel Sarastros erobert und Paminas Herz gewonnen werden.

    Für Tamino lohnt sich jedes Wagnis, denn alles endet traumhaft schön: mit dem Sieg der Liebe.

    Die Inszenierung von Gastregisseur Gerd Heinz kann sich in der Tat sehen lassen: Humor, Esprit und eine Prise Tiefgang sowie die sichere Führung der zum Teil wandelbaren Charaktere, verbunden mit der exquisiten Ausstattung von Johanna Maria Burkhart (Bühnenbild) und Yvonne Forster (Kostüme) garantieren einen spektakulären Opernabend, der in Gießen noch lange von sich reden machen wird. Simpel fängt es an: Der kleine Tamino liegt im Bettchen und will noch etwas schmökern, als ihn die Eltern überraschen, ihm den Lesestoff entreißen und Nachtruhe befehligen - unruhig schläft der Junge ein und träumt sich hinein in die Rolle des Prinzen Tamino, hinein in die Welt der »Zauberflöte«, in jenes zart-verspielte und gleichsam ehrlich-tiefe Singspiel des Wolfgang Amadeus Mozart, das in der richtigen Inszenierung, in einer, die auf allzu modernen Schnickschnack verzichtet, noch immer die Herzen des Publikums gewinnt; nicht zuletzt dank des Textes von Emanuel Schikaneder, der sowohl den Dialogen den richtigen Schliff verpasste als auch den Arien Sinngebendes mit auf den Weg gereichte.

    Das Werk aus dem Jahr 1791 ist Mozarts letzte Oper, uraufgeführt gut zwei Monate vor dem Tod des Komponisten. Der Inhalt wurde von Schikaneder und Mozart so oft umgedacht und umgeschrieben, dass am Ende nicht mehr alle Charaktere schlüssig erscheinen - oder vielleicht nicht mehr schlüssig erscheinen sollen. Besonders die Königin der Nacht (anfangs »gut«, am Ende »böse«) und Sarastro (erst gefährlicher Misanthrop, dann weiser Philanthrop) lassen Raum für Interpretationen. Das Werk trägt erhabene Züge der Freimaurerei - Mozart war Freimaurer -, bezirzt aber gleichsam mit einer kindlich-fantasievollen Art. Folglich lässt sich die »Die Zauberflöte« als muntere Unterhaltung mit hehrem Ziel und einem Augenzwinkern bezeichnen.

    Star des Abends war Matthias Ludwig als naiver Vogelfänger Papageno, der allen anderen des hervorragend disponierten Ensembles die Schau stahl. Papageno parliert in breitem bayerisch - »host mi?«. Ludwig hat damit die Lacher auf seiner Seite. Gesungen wird auf Hochdeutsch, und auch hier zeigt Ludwig, dass er sich im Laufe seiner Karriere am Stadttheater von Inszenierung zu Inszenierung gesteigert hat, dass er seinen Bariton fest und gleichsam biegsam formen kann, er über Volumen verfügt, seine zugege-benermaßen einfachen Strophenlieder wie »Der Vogelfänger bin ich ja« Strahlkraft besitzen, die Duette mit Papagena (Stadttheater-Neuling Carla Maffioletti, »Es ist das höchste der Gefühle«) und vor allem mit Pamina (»Bei Männern, welche Liebe fühlen«) minutiös ausgearbeitet sind. Mimik und Gestik des Papageno kommen Ludwigs Entertainer-Qualitäten entgegen - alles in allem ein Bravourstück, für das sich der Sänger großes Lob verdient hat.

    Gesanglich eine Bank war Christoph Stegemann als Priester Sarastro. Mit sonorem raumfüllenden Ton beherrschte er die Bühne, sein Bass, der den Stimmfachzusatz »seriös« trägt, ging unter die Haut, auch seine gesprochenen Passagen waren in ihrer Erhabenheit aller Ehren wert.

    Ebenfalls bestens aufgelegt präsentierte sich Antje Bitterlich als Königin der Nacht. Noch aus »Rigoletto« in guter Erinnerung, zelebrierte die Sopranistin ihre Arien, verströmten ihre Auftritte Charisma, konnte sie sich nach ihren Partien eines langen Applauses gewiss sein, auch wenn ihren höchst sauber gesungen Koloraturen in »Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen« das letzte Quäntchen Nachdruck fehlen mochte. Beinahe von Monat zu Monat besser wird der lyrische Sopran der jungen Odilia Vandercruysse, die als Pamina mal rasend verliebt, mal melancholisch (»Ach, ich fühl’s«) sein durfte und gemeinsam mit Tenor Ralf Simon (Tamino) ein glaubhaftes Liebespaar mimte. Simon, aus der Haydn-Oper der letzten Spielzeit noch bestens im Gedächtnis, sang seinerseits ohne Fehl und Tadel, formte die Höhen elegant aus, setzte jedoch in seiner »Dies Bildnis ist bezaubernd schön«-Arie etwas zu sehr aufs Vibrato.

    Die drei Knaben (Anne-Karhrin Abel, Georgia Benner, Hanna Mayumi Littmann, Einstudierung: Martin Gärtner) ersangen und erspielten sich, etwa wenn sie im Schrank von der Decke »herabschwebten«, als harlequineske »street art kids« die Gunst des Publikums. Auch die drei Damen (Sopranistin Petra van der Mieden, Mezzosopranistin Henrietta Hugenholtz und Anne Catherine Wagner mit tiefreichendem Alt) überzeugten. Der Chor- und Extrachor des Stadttheaters (Einstudierung: Jan Hoffmann) ergänzte aufs Beste. Die übrigen Vokalisten - darunter August Schram mit seinem lyrischen Tenor als schwarzer Sklavenaufseher Monostatos, Bassist Tomi Wendt als Erzähler, der seinen ersten Auftritt im ersten Akt aus einer Loge heraus meisterte, sowie die beiden neuen Gießener Sänger Alexander Herzog und Stephan Bootz - agierten mit Eifer und Chuzpe. Auch der Jugendklub Tanz des Stadttheaters machte seine Sache in variierenden Kostümen gut.

    Johanna Maria Burkharts ausgefeiltes Bühnenbild mit zwei versetzt angeordneten halbkreisförmigen Wänden, zwei Treppen dazwischen und einer Zusatzmauer dahinter, die gegen die Drehrichtung der Bühne verschoben werden kann, verschaffte den Akteuren Raum und schien sich optisch dank des abwechslungsreichen Lichts von Christopher Moos immer wieder neu gestalten zu lassen. Die farbenprächtigen, bis ins Detail ausgearbeiteten Kostüme von Yvonne Forster waren eine Augenweide.

    Das philharmonische Orchester unter Generalmusikdirektor Carlos Spierer wusste von Beginn an zu gefallen. In flottem Tempo angegangen, offenbarte schon die Ouvertüre: Die Musiker (16 Streicher, 15 Bläser, eine Pauke) sind in Spiellaune. Transparent, differenziert und mit klugen emphatischen Momenten meisterte das Ensemble die Partitur - dafür gab’s am Schluss Sonderapplaus. Diese »Zauberflöte« sollte auch in der nächsten Spielzeit noch zu erleben sein. Manfred Merz, Gießener Allgemeine Zeitung, 07.09.2009