Stadttheater Giessen
    Spaßvogel Papageno stiehlt allen anderen die Schau

    Spaßvogel Papageno stiehlt allen anderen die Schau

    Mozarts "Zauberflöte" zur Spielzeiteröffnung überschwänglich gefeiert - Regisseur Gerd Heinz schickt Klein-Tamino ins Reiche der Träume

    Es ist alles nur ein Traum, ein Traum, in dem kleine Ritter und Abenteurer, heldenhafte Jungfrauen und Bösewichte, eine verschworene Priestergemeinschaft und geheimnisvolle Vogelwesen die Szenerie bevölkern. Die Gesetze von Zeit, Raum und Logik sind außer Kraft gesetzt. Stattdessen regieren starke, einprägsame Traum-Bilder, die den Zuschauer vom ersten bis zum letzten Augenblick gefangen nehmen. Alles nur ein Traum? Geträumt war allerdings nicht der minutenlange Schlussapplaus, der kein Ende nehmen wollte und mit dem das hellauf begeisterte Premierenpublikum im proppenvollen Stadttheater für diese schöne "Zauberflöte" dankte. Einen glücklicheren Einstand zur neuen Spielzeit hätten sich die Gießener Theaterleute nicht erträumen können. "Das Genie tat hier fast einen zu großen Riesenschritt; denn indem es die deutsche Oper erschuf, stellte es zugleich das vollendetste Meisterstück derselben hin", sagte einst Richard Wagner über "Die Zauberflöte" von Wolfgang Amadeus Mozart (1956 bis 1791). Das Stück, bei dem Volkstheater, Zauberposse, Märchenstück und Freimauerer-Rituale Pate standen, ist über 200 Jahre alt, aber immer noch so lebendig, spannungsreich und amüsant wie am ersten Tag. Der nicht nachlassende Erfolg liegt vor allem an Mozarts unsterblicher Musik, die ihn auf dem Höhepunkt seines kompositorischen Könnens zeigt. Hier ist alles wahr und klar. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Carlos Spierer zeigt das inspiriert musizierende Philharmonische Orchester, wie wunderbar Mozart instrumentiert hat, welch goldenen Wohlklang er ausbreitet und wie er den Erfindungsreichtum strömen lässt. Aus dem Orchestergraben leuchtet in der über dreistündigen Aufführung ein Mozart-Ton, der Welten des Ausdrucks überspannt - vom einfachen Lied- und Volkston Papagenos über die gehobene Gefühlssprache Taminos und Paminas bis zur flammenden Leidenschaft der Königin der Nacht. Beim Klang der Ouvertüre blickt man in ein Kinderzimmer, in dem Klein-Tamino im Bett beim Schein der Lampe fantastische Abenteuergeschichten liest und dabei eine grüne Stoffschlange um den Hals trägt. Als die Eltern dem Jungen Gutenacht sagen, nehmen sie ihm zwar die Sachen weg, doch im Traum werden die Geschichten ihre Gestalten wieder lebendig, und der Träumer Tamino findet sich in einer Welt der Ängste, Mythen und Verheißungen wieder, in der er als wagemutiger Prinz ein großes Abenteuer bestehen muss. Gastregisseur Gerd Heinz wendet mit seinem Ausflug ins Reich der Träume und des Unterbewussten ein plausibles Konzept an, um die märchenhafte Handlung mit ihren teils widersprüchlichen Charakteren ohne Brüche zu erzählen. Im Traum ist eben alles möglich; da muss man nicht lange nach dem Wie, Woher und Warum fragen. Bühnenbildnerin Johanna Maria Burkhart hat dazu auf der Drehbühne ein labyrinthartiges Gebilde mit halbrunden, ineinander verschachtelten Mauern geschaffen, die je nach Drehung offen oder geschlossen sind. Im Zusammenspiel mit den fantasievollen Kostümen von Ivonne Forster und der Lichtregie von Christopher Moos entstehen aussagekräftige Bilder von suggestiver Kraft. Wenn Sarastro auf seinem Thron von schwarzen Vogelmenschen herein geschoben wird und ihm der rot gewandete Hofstaat zujubelt, wenn die drei Knaben in einem Puppentheater herabschweben, wenn Tamino und Pamina zur Feuer- und Wasserprobe hinter Mauern verschwinden und die Spannung zum Greifen nah ist, dann kommt auch das Auge zu seinem Recht. Der theatererfahrene Regisseur teilt zum Glück nicht in die Unart vieler seiner Kollegen, die meinen, die Figuren auf der Bühne müssten durch ständige, zum Teil sinnlose Aktionen ständig beschäftigt werden. Heinz bringt Ruhe ins Geschehen, ohne dass es langweilig wäre, und legt in der Personenführung großen Wert auf vielerlei Details, die die Charaktere glaubwürdig erscheinen lassen. Tamino ist ein großer, unbekümmerter Junge. In dieser Rolle geht Ralf Simon mit staunenden Augen umher und verkörpert den jugendlichen Entdecker mit großem Ernst. Er singt die berühmte Bildnisarie mit Wärme, echter Empfindung und Bewegung und bringt auch sonst seinen feinen Tenor im Dialog mit dem Sprecher (Tomi Wendt; "Die Weisheitslehre dieser Knaben...") und bei der Feuer- und Wasserprobe mit Pamina schön zur Geltung. Wie nicht anders zu erwarten, ist Odilia Vandercruysse eine anmutige Pamina, die vor allem in der schmerzlichen g-Moll-Arie "Ach, ich fühl´s" einen innig-bewegenden Vortrag bietet. Die Königin der Nacht ist keine ältliche Matrone, sondern in Antje Bitterlichs Darstellung eine mondäne, äußerst attraktive Frau. Gesanglich ist sie auch auf der Höhe und schwingt sich in der Rachearie mit ihren gefürchteten Koloraturen scheinbar mühelos zu den Spitzentönen empor. Eine virtuose Leistung! Als ihr Gegenspieler Sarastro gibt Christoph Stegemann mit seinem volltönenden Bass eine durch und durch würdige Erscheinung ab. Monostatos ist weniger Scheusal, sondern auf ein menschliches Maß zurückgestutzt: So singt ihn August Schram nicht mit kalter, hässlicher Stimme, sondern verleiht ihm Töne echter Regung. Urwüchsige KomikAls Spaßvogel Papageno stiehlt Matthias Ludwig mit vitalem Charme und urwüchigert Komik allen anderen die Schau. Die Volkstheaterfigur des Vogelfängers, der mit unwiderstehlicher Direktheit die Weisheitslehren der Isis-Priester auf die nötigsten menschlichen Bedürfnisse reduziert, ist natürlich eine Bravourrolle, und ein Erzkomödiant wie Ludwig lässt sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen. In Lederhosen, bayerisch sprechend und Schuhplattler tanzend, ist er ein echter Naturbursche voller Saft und Kraft. Mit seinem weichen, wohlklingenden Bariton lässt er im Lied "Ein Mädchen oder Weibchen" keine Wünsche offen. Doch auch er vertritt den Humanitätsgedanken der "Zauberflöte": Nicht mit Tamino, sondern mit ihm singt Pamina "Mann und Weib und Weib und Mann reichen an die Gottheit an" - und das machen die beiden wirklich wunderschön. Eine kecke Pagagena gibt Carla Maffioletti. Zum Schluss seien noch die drei Damen (Petra van der Mieden, Henrietta Hugenholtz, Anna Catherine Wagner), die Geharnischten (Stephan Bootz, Alexander Herzog) und die drei Knaben (Anna-Katherin Abel, Georgia Benner, Hanna Mayumi Littmann) aus den Reihen des Kinderchores erwähnt, die ihre Sache sehr gut machen. Der von Jan Hoffmann einstudierte Chor ist immer zur Stelle, wenn Menschenmasse gefragt ist. Der stark ausgedünnte Chor "O Isis" ist allerdings weitgehend seiner Wirkung beraubt.
    Thomas Schmitz-Albohn,Gießener Anzeiger, 07.09.2009