Stadttheater Giessen
    Zeitgenössischer Stoff mit akustischer Haute Couture

    Zeitgenössischer Stoff mit akustischer Haute Couture

    Lang beklatschte Premiere: Stadttheater präsentiert die Oper »Der Besuch der alten Dame« von Gottfried von Einem nach Friedrich Dürrenmatt

     Kapitalismuskritik, griechische Tragödie, moderne Groteske – Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie »Der Besuch der alten Dame« darf sich vieler Untertitel rühmen. Das gilt auch für die gleichnamige, 1971 uraufgeführte Oper aus der Feder von Gottfried von Einem (nach dem Libretto Dürrenmatts), die am Samstagabend im nicht ausverkauften Großen Haus des Stadttheaters lang beklatschte Premiere feierte.

    Dass Operndiva Gwyneth Jones die Hauptrolle nicht sang (Dame Gwyneth hatte kurz vor Probenbeginn das Handtuch geworfen) tat der Aufführung keinen Abbruch. Mit der Amerikanerin Caroline Whisnant, zuletzt 2006 am Stadttheater zu Gast, als milliardenschwere Claire Zachanassian hat Intendantin Cathérine Miville auf die Schnelle gewichtigen Ersatz gefunden.

    Miville, für die Inszenierung verantwortlich, zauberte gemeinsam mit Bühnenbildner Lukas Noll ein schlichtes, aber treffendes Güllen auf die Drehbühne. Die Regisseurin hat in der Vergangenheit bereits mehrfach ihr Faible für treppenartige Bühnenaufbauten gezeigt. Das tat sie am Samstag erneut. Zwei hellgraue Leinwände als neutraler kühler Hintergrund, davor zwei verschiebbare Tribünenteile als Umrandung für die Spielorte, dazu vom Schnürboden »herabwachsende« Deko, Tannen etwa für die Waldszenen; gemeinsam mit dem variablen Licht (Kati Moritz) war so eine eindringliche, zeitlose Atmosphäre geschaffen, die hier und da allerdings unter zu viel Dunkelheit litt.

    Die Güllener, anfangs grau gekleidet im 50er-Jahre-Einerlei, verwandelten sich auf leisen Sohlen von armen Schluckern in potenzielle Neureiche (Kostüme: Bettina Munzer), als sie dürrenmattgerecht ab dem zweiten Akt gelbes, fast güldenes und folglich mammonverheißendes Schuhwerk samt schicker Kleidung trugen.

    Miville hat das Stück zu Beginn mit reichlich Fahrt versehen – der notgebremste D-Zug wurde zur optischen Meisterleistung. Immer wenn die Musik an Spannung gewann, gelang es Miville, der Handlung Chuzpe zu verleihen, wie am Ende des erste Akts oder im Konradsweilerwald, wenn Claire und Alfred voneinander Abschied nehmen (dritter Akt).

    Dazwischen gab es hin und wieder Leerlauf – wenn Ill in der Sakristei vom Pfarrer vergeblich Beistand erhofft zum Beispiel. Dann erstarrte das Geschehen zum Standbild; ein Visualisieren des Erzählten hätte Abhilfe geschaffen. Das Orchester unter der musikalischen Leitung des designierten Generalmusikdirektors Herbert Gietzen sah sich einem dicken Brocken Musik gegenüber. Von Einem liebt die rhythmische Wendung, schichtet Zweier- und Dreiertakte übereinander, setzt auf Schlagwerk, Reibeklänge und abrupte Tempiwechsel. Das Orchester hatte mit dem überwiegend tonalen Material kaum Probleme. Gietzen arbeitete die Facetten wie bei einem Schnittmusterbogen fein säuberlich heraus und präsentierte eine musikalische Garderobe der Haute Couture, unterstützt vom bestens aufgelegten Chor und Extrachor des Stadttheaters, wie immer perfekt einstudiert von Jan Hoffmann.

    Zur schweren Kost wird die Oper nicht wegen der Orchestermusik; zur schweren Kost wird sie wegen der Gesangslinien. Von Einem ist ganz Kind seiner Zeit, das eine »schöne« Kantilene als Rückschritt in die Romantik betrachtet. Folglich enden seine Wendungen nicht immer harmonisch, sondern bisweilen im Irgendwo, manchmal sogar im Nirgendwo.

    Der für die Sänger ohnehin nicht leicht zu bewältigende Stoff wurde nicht einfacher durch die Vielzahl der schnellen Sentenzen. Dürrenmatt war kein großer Opernfreund, ob er deshalb seinen Protagonisten Begriffe wie »Ar-beits-lo-sen-un-ter-stüt-zung« oder »Hirn-haut-ent-zün-dung« in den Mund legte, bleibt ungeklärt. Das sperrige Wortgut machte den Gastsängern aus Amerika zu schaffen, aus »verlassen« wurde »verlangen«, aus »darf ich mich zu dir setzen« »darf ich mich dir zusetzen«.

    Wohlweislich hatte die Regie dem deutschen Text Übertitel verordnet.

    Der Kanadier Dan Chamandy (jüngst bei Mivilles »Revisor«-Inszenierung schon dabei) verfügte als Bürgermeister über einen strahlenden Tenor, der in den hohen Lagen stets ins Forte flüchtete – eine feinere Abstimmung hätte nicht geschadet.

    Stilsicher Edward Gauntt als Alfred Ill. Der Texaner hatte mit seiner gleichermaßen raumgreifenden wie betörenden Stimme jederzeit die Lage im Griff; die Bühnenpräsenz des groß gewachsenen Baritons war enorm, er spielte den sich wandelnden Charakter des Ill mit deutlichem Biss, ohne zu überzeichnen. Auch Mezzosopranistin Whisnant meisterte ihre Rolle mimisch und gesanglich mit Bravour. Ein besonderes Lob haben Alexander Herzog (Koby) und Thomas Stückemann (Loby) in ihrer schrägen Partie der blinden Eunuchen verdient. Im gelb-blauen Pfadfinderinnen-Outfit hatte Herzog die Lacher auf seiner Seite. Die übrigen rund 20 Solosänger und Darsteller demonstrierten ebenfalls Spielvergnügen.

    Das Finale im Theatersaal des »Goldenen Apostel« (ein größerer herabschwebender Apostel hätte die Scheinheiligkeit anschaulicher werden

    lassen) mit Videoaufzeichnung und gleichzeitiger Wiedergabe auf den beiden Leinwänden führte zu optischen Missstimmigkeiten. Die Bilder waren technisch be-dingt nicht synchron mit den Bewegungen der Akteure auf der Bühne (und die Übertitel fielen aus) – derartige Ergebnisse stellen solche Spielereien immer wieder infrage.

    Gleichwohl ist die Inszenierung des »Besuchs der alten Dame« eine mutige und aufwendige Arbeit für das Stadttheater, das wieder einmal beweist:

    Man darf vor der Umsetzung zeitgenössischen Stoffs keine Scheu haben.
    Manfred Merz, 16.05.2011, Gießener Allgemeine Zeitung

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