Stadttheater Giessen
    Einems „Alte Dame“ in der Inszenierung von Cathérine Miville in Gießen lebhaft aufgenommen

    Einems „Alte Dame“ in der Inszenierung von Cathérine Miville in Gießen lebhaft aufgenommen


    Cathérine Miville und Herbert Gietzen führen Einems „Alte Dame“ zum Erfolg - US-Amerikanerin Caroline Whisnant als Traumbesetzung

    „Die Welt ist aus den Fugen“, heißt es in Shakespeares „Hamlet“. Intendantin Cathérine Miville zeigt als Regisseurin eine Welt, die auf dem Kopf steht. Alle Regeln sind außer Kraft, nichts stimmt mehr. Mit großem szenischen, musikalischen und personellen Aufwand führt das Gießener Stadttheater in seiner neuesten Produktion in das Musiktheater des 20. Jahrhunderts. Gegeben wird Gottfried von Einems Oper „Der Besuch der alten Dame“. Der lebhafte Applaus und die vereinzelten Bravorufe bei der Premiere am Samstagabend machten deutlich, dass sich der hohe Einsatz und alle Anstrengungen gelohnt haben.

    Man könnte auch sagen, dass die „Schweizer Connection“ sehr gut funktioniert: Der Literaturoper des österreichischen, aber in der Schweiz geborenen Komponisten liegt das Erfolgsstück des Schweizer Dramatikers Friedrich Dürrenmatt zugrunde. Und daraus haben die aus der Schweiz stammende Regisseurin und ihre künstlerische Mannschaft einen starken, eindrucksvollen Opernabend gemacht, der im zweieinhalbstündigen Zusammenspiel von Text, Musik und Szenerie seine beklemmende Wirkung entfaltet.

    Gottfried von Einem (1918 bis 1996), von den Wienern liebevoll-spöttisch nur der „Eine“ genannt, besaß ein glückliches Händchen für effektvolle Theaterstoffe und hat - bei aller Aufgeschlossenheit für neue Strömungen - in seinen Werken stets an der Tonalität festgehalten. Dissonant, zerrissen und mit unheimlichen Klangwirkungen gab sich seine Musik modern genug, um Aufmerksamkeit zu erregen, hielt aber gleichzeitig genügend Kantilenen bereit, um Operngenießer nicht zu verprellen.

    Seine „Alte Dame“ nach Dürrenmatts zynischer Parabel über die Schlechtigkeit der Menschen stellt die Frage nach der Macht des Geldes und der Käuflichkeit der wohlanständigen Gesellschaft in den Mittelpunkt. „Ich gebe Euch eine Milliarde und kaufe mir dafür die Gerechtigkeit“, sagt die Milliardärswitwe Claire Zachanassian, die ihrem Heimatort Güllen nach über 40 Jahren einen Besuch abstattet und als Gegenleistung für die unvorstellbar hohe Summe den Tod ihres früheren Liebhabers Alfred Ill verlangt. Sie will sich an all jenen rächen, die die junge hochschwangere Frau, die sie damals war, in die Hoffnungslosigkeit trieben, indem sie sie zwangen, Güllen zu verlassen.

    Gelungenes Bühnenbild

    Erheblichen Anteil am Gelingen der zweieinhalbstündigen Aufführung hat das wunderschöne Bühnenbild von Lukas Noll, das die Verhältnisse in Güllen auf den Punkt bringt: Hauptelement ist eine zweigeteilte Leinwand im Hintergrund, auf der zu Beginn wie in einem Scherenschnitt in alten Märchenbüchern die Silhouette des Städtchens unter schwerem, grauen Himmel zu sehen ist. Vor der Leinwand ist eine Metalltribüne aufgebaut, auf der graue, gebeugte Gestalten die Ankunft der Milliardärin herumlungernd erwarten. Vielfältige Lichteffekte (Kati Moritz) und Videoeinspielungen beleben die Leinwand: Sei es, dass Züge am Bahnhof vorbeirasen oder anhalten, sei es, dass Schlagzeilen der Sensationspresse über die Vergehen Alfred Ills vorbeiziehen. In der vergifteten Idylle des Konradsweilerwalds hängen die Silhouetten der Bäume verkehrt herum von oben herab, und auch in der gespenstisch ausgeleuchteten Kirche steht der Kirchturm Kopf.

    Hier wird ein böses Märchen erzählt. Geradlinig arbeitet die Regie den Handlungsverlauf heraus, wobei Cathérine Miville gerne die kleinen, witzigen Details der Tragikomödie betont, indem sie etwa die beiden dicken Kastraten Koby und Loby (Alexander Herzog, Thomas Stückemann) als Mädchen in Matrosenanzüge steckt (Kostüme: Bettina Munzer). Von eindringlicher Wirkung sind die stimmungsvollen Szenen im Wald, die nachgestellte Gerichtsverhandlung mit dem Oberrichter (expressiv: Wojtek Halicki-Alicca) und die Szene in der Kirche mit einem respektheischenden Pfarrer (Stephan Bootz) und einer niedlichen Kinderschar.

    Das starke Drama verlangt auch musikalisch starke Akzente. Aus Einems Musik spricht harter Realismus; nicht nur der Szenenablauf, sondern auch die seelischen Vorgänge in den handelnden Personen sind weitgehend vertont. Links und rechts der Bühne begleiten zwei Schlagzeuger das dramatische Geschehen.

    Unter der Leitung von Herbert Gietzen, der das Philharmonische Orchester Gießen feinfühlig, differenziert und mit nicht nachlassender Energie dirigiert, bricht sich die eklektizistische Musik mit ihren farbigen Akkorden und oft schroffen Wendungen ihre Bahn. Da gibt es Mahler‘sche Einsprengsel, an Richard Strauss erinnernde Elemente, Rhythmen in der Art von Carl Orff und Anleihen bei Kurt Weill. Die spezifischen Klangfarben des Orchesters verleihen den Motiven der Personen Ausdruck, und Gietzen verwendet sehr viel Sorgfalt auf die Ausgestaltung der lyrischen Passagen - sozusagen als Ruhepunkte zur dramatischen Handlung.

    Höchste Ansprüche

    Einems Musik stellt höchste Ansprüche an die Gesangssolisten, und doch ist die alte Dame eine Paraderolle für jede Mezzosopranistin. Die US-Amerikanerin Caroline Whisnant nutzt ihre Chance und erweist sich Traumbesetzung. Klar und deutlich in der Artikulation, verfügt sie über eine außerordentlich bewegliche, ausdrucksstarke Stimme. Caroline Whisnant zeigt nicht nur die unerbittliche, nach außen harte Milliardärin, sondern die noch immer liebende Frau. Und ihr sitzt der Schalk im Nacken, wenn sie still in sich hineinlacht, weil noch niemand etwas von ihren teuflischen Plänen weiß.

    Ihr Landsmann Edward Gauntt ist ihr als Alfred Ill ein ebenbürtiger Partner. Kraftvoll, vital, mit Durchschlagskraft und feinen lyrischen Tönen bringt er seinen prachtvoll geführten Bariton hervorragend zur Geltung. Bei ihm fällt vor allem die sehr gute Wortverständlichkeit auf. Eine gute Figur macht auch der kanadische Tenor Dan Chamandy in der Rolle des Bürgermeisters, dessen leicht metallische Stimme mit expressivem Charakter ihn für diese Art von Musik besonders geeignet macht.

    Zur Familie Ill gehören Antjé Tiné (Frau), Odilia Vandercruysse (Tochter) und Catalin Mustata (Sohn). Weitere Vertreter der Stadt sind Tomi Wendt (Lehrer), Matthias Ludwig (Arzt) und Siegfried Lenkl (Polizist). Alle Mitwirkenden können hier nicht aufgezählt werden, erwähnt sei aber noch der von Jan Hoffmann einstudierte Chor, der seine nicht leichte Aufgabe mit gewohnter Klasse erledigt. Thomas Schmitz-Albohn, 16.05.2011, Gießener Anzeiger