Stadttheater Giessen
    Stürmischer Beifall für Gießener Tanzcompagnie

    Stürmischer Beifall für Gießener Tanzcompagnie

    Ideenreich und gefühlsbetont: "C´est la vie" feiert französische Lebensart mit Chansons und Bistro-Atmosphäre

    Französisches Lebensgefühl prägt den neuen Tanzabend, der aus Australien stammende Choreograph David Williams und Ballett-Chef Tarek Assam. Williams ist in Gießen nicht unbekannt, da ihn sein erstes Engagement in Deutschland 1991 ans Stadttheater führte. "C´est la vie" (So ist das Leben) erzählt episodenhaft kleine Geschichten, die das Leben schreibt, und kommt ganz ohne Verklärung aus.
    Nach der Premierenvorstellung in der TiL-Studiobühne am Freitagabend war der Jubel beim Publikum groß: Die Mitglieder der Tanzcompagnie (Antonia Heß, Svende Obrocki, Magdalena Stoyanova, Eoin Mac Donncha und Meindert Ewout Peters) wurden mit stürmischem Beifall bedacht, wie auch die Choreographen und Ausstatterin Dietlind Konold. Die Tänzer hatten einen großen kreativen Eigenanteil an der Erarbeitung der Choreografie.
    Mitten in die Metropole Frankreichs, in ein Pariser Café, führt die Handlung. Hier treffen sich immer in gewissen Zeitabständen drei Frauen und zwei Männer, es sind Freunde. Sie erzählen sich und erleben Geschichten. Die Musik zum Stück sind natürlich - und wie könnte es anders sein, wenn es nach Paris geht - Chansons. Darunter beliebte Klassiker, Nostalgisches, Zeitgenössisches mit Einschlag in Richtung Neue Musik und im Hardrock-Stil. Manchmal klingen die Lieder wirklich wie aus dem Transistorradio, das auf der Bühne steht, und oft wirkt der Musikwechsel so, als ob sich mit Rauschen ein anderer Sender einstellt. Dies unterstützt eine Atmosphäre, die jenseits von glatter Schönheit liegt.
    Auch die Tänzer muten wie heutige Alltagsmenschen an, keine idealen Charaktere, und jeder ein anderer Typ. Die Dynamik zwischenmenschlicher Beziehungen wird tänzerisch großartig dargestellt. Explosiv ist der Anfang, wenn die Freunde einzeln ins Bistro kommen: Mit ruckelnd verzuckelten Bewegungsfolgen, fulminant schnell dargeboten, geht dies über die Bühne. Das Tempo ist mitreißend, gezeigt werden auch Begrüßungsrituale. Witzig ist eine Szene vor einem imaginären Spiegel, das Publikum wird Zeuge von Grimassenschneiden, bizarrem Posieren und dem Zurechtzupfen von Haar und Kleid. Die Bewegungen sind denen in öffentlichen Waschräumen abgeschaut.
    Was wäre Paris ohne Metro und Busse? Eine solche Sequenz wird ebenfalls choreographisch umgesetzt. Zu Kurt Weills "Je ne t´aime pas" ("Ich liebe dich nicht") tanzt Magdalena Stoyanova ein emotional melancholisches Solo, nach einer berührend dargestellten Wartephase auf den Freund. In fortgeschrittener Runde und nach dem Genuss von Rotwein herrscht bei den Freunden Katerstimmung: Man vertreibt sich die Zeit mit abstrusen Spielchen und dem schrillen Nachpfeifen des Klassikers "Chanson d´amour". Mit herzhaften Publikums-Lachern wurde diese Szene begleitet.
    Paris ist auch die Hauptstadt der Liebe, wie dies von einem innig ineinander verschlungenen Paar auf der Bühne verdeutlicht wird. Das Bühnenbild (Dietlind Konold) wartet neben den Bistromöbeln und bunter Lichterkette auch mit Überraschungen auf. Ein Fenster öffnet sich und gibt den Blick auf verschiedene inszenierte Bilder frei: Passend zur Liebe und Pariser Varietés wird unter anderem das Schaufenster eines Sexshops gezeigt.
    Höhepunkt gegen Ende ist eine ausgelassene Feier mit Geburtstagskuchen, Champagner, Baguette und einem knallbunten Konfettiregen. Der Funken sprang spätestens hier auf die Zuschauer über. Die Tänzerinnen steckte Konold in aparte, leichte Kleider, die zu den Bewegungen schön mitschwingen. Ideenreich ist die Choreographie (temporeich werden auch Stühle mit Rollen eingesetzt), die zwischen kunstfertiger Ausarbeitung und eher schauspielerisch erzählten Szenen, zwischen aufpeitschendem Temperament und gefühlsbetonter Ruhe wechselt. Der Tanzcompagnie sowie Williams und Assam ist es gelungen, junge Menschen mit ihren Sorgen und Freuden zu zeigen.
    Tanja Löchel, Gießener Anzeiger, 23.11.2009