Stadttheater Giessen
    Zu Beginn eher schwer verdauliche Kost

    Zu Beginn eher schwer verdauliche Kost

    Der Applaus wollte kein Ende nehmen. Den Anlass gab das neue Tanzstück »C’est la vie!«, das am Freitagabend im TiL uraufgeführt wurde.

    Von französischer Lebensart erzählt es, so das Choreografie-Team im Vorfeld - bestehend aus dem Gießener Tanzdirektor Tarek Assam, der zum wiederholten Mal einen Gastchoreografen eingeladen hatte, dieses Mal den aus Australien stammenden, seit 1991 in Deutschland lebenden David Williams.

    Französische Chansons bilden den musikalischen Hintergrund, doch nicht nur Bekanntes etwa von Edith Piaf und Georges Brassens, sondern auch zeitgenössische Stücke bis hin zum Punkrock. Gleich zu Beginn gibt es eher schwer verdauliche Kost. Nachdem sich die fünf Akteure überschwänglich zu einem freundlichen Valse Musette begrüßt haben, scheint das drängendste Thema die Revolte in den Pariser Vorstädten zu sein. Das internationale Mittelfingerzeichen, entschlossene Mimik und aggressive Musik bringen diese emotional geladene Situation der Desillusionierung fast unangenehm nah ans Publikum heran (Musik: »Au marché des illusions« von Babylon).

    Dietlind Konold, mit Williams aus der gemeinsamen Zeit am Staatstheater Braunschweig bekannt, hat ein schlichtes, aber stimmiges Bühnenbild in Schwarz geschaffen: Bistro-Tisch und -stühle in einer Ecke, eine variable Wandnische, die mal Schaufenster, mal Telefonzelle ist, und eine Glühlampenkette rankt quer über die Bühne. Dazu kommt variables Mobiliar: eine Wartebank und Stühle auf Rollen, die nicht nur der Dekoration dienen, sondern inhaltlich eingebaut werden in die Erzählung. Denn erzählt wird durchaus, nicht im Sinne eines roten Fadens, aber in Einzelszenen voller menschlicher Dramatik und Gefühle.

    Es ist das Anliegen des Choreografen Williams, nicht Tänzer auf der Bühne haben zu wollen, die perfekt die vorgegebenen Schrittfolgen abbilden, sondern Individuen mit emotionaler Präsenz.

    Und das gelingt in diesem Stück in bislang nicht gekannter Intensität. Dafür verantwortlich ist das hervorragend aufgestellte Tanzensemble, das gut zusammenarbeitet und einander vertraut. Vor allem bei den sehr körpernahen Szenen ist es erstaunlich, wie weit sie gehen bei der Umsetzung von Anmache und Abscheu, Verlangen und Sex. Das darstellerische Niveau von allen Beteiligten ist beeindruckend und verschmilzt mit der tänzerischen Umsetzung zu einem gelungenen Ganzen.

    Einige Szenen sind disparat über die Bühne verteilt, andere finden sehr konzentriert an einer Stelle statt. Es gibt stimmungsvolle Gruppenbilder, etwa die Champagnerlaune im Bistro oder das unruhige Sitzen auf der Wartebank, zauberhafte Duette (Obrocki/Peters) und eindrucksvolle Soli. Erwähnt werden soll - bei allem Ernst der Darstellung - aber auch der subtile Witz, der sich an überraschenden Stellen Bahn bricht.

    Bei der Premiere tanzten: Antonia Heß, Svende Obrocki, Magdalena Stoyzanova, Eoin Mac Donncha und Meindert E. Peters. Nächste Termine sind der 29. November und 13. Dezember.Dagmar Klein, Gießener Allgemeine, 23.11.2009